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30.03.2009 | IREHA | Klinikprojekte

Strong Women Group

Ressourcenorientiertes Therapiekonzept für berufstätige Frauen zwischen 18 und 49 Jahren

Dipl.-Psych. Annika Simon
Suzanne Morshuis, Oberärztin Berolina Klinik
Prof. Dr. med. Gerhard Schmid-Ott, Ärztlicher Direktor Berolina Klinik

In Anlehnung an den geschlechtsspezifischen und ressourcenorientierten psychotherapeutischen Ansatz der Abteilung Psychosomatik der Berolina Klinik, der in Form der so genannten „W50 plus-Gruppe“ seine erste praktische Umsetzung fand und insbesondere bei den angesprochenen Patientinnen auf positive Resonanz trifft, wurde auf Grundlage des etablierten Konzeptes im nächsten Schritt eine entsprechende „Männergruppe“ eingeführt. Beide Therapieprogramme beinhalten sechs einstündige Gruppensitzungen mit viel Raum für all die Themen und Sorgen, die für die jeweilige Zielgruppe spezifisch sind und daher besondere Aufmerksamkeit bedürfen.

Nachdem auch die zweite geschlechtsspezifische Therapiegruppe sehr gut von den männlichen Teilnehmern einer stationären psychosomatischen Rehabilitation – die vorher leider oftmals vor der Teilnahme an psychotherapeutischen Gruppen zurückschrecken – aufgenommen wurde, konnte diese „Serie“ zuletzt erneut erweitert werden. Dieses dritte geschlechtsspezifische Therapiekonzept der Abteilung Psychosomatik der Berolina Klinik spricht diesmal die Zielgruppe von Frauen im Alter zwischen 18 und 49 Jahren in der stationären psychosomatischen Rehabilitation an, welche sich – auch vor dem Hintergrund, dass die Deutsche Rentenversicherung Bund der zentrale Leistungsträger dieser Abteilung ist – in aller Regel in einem Erwerbsverhältnis befinden. Diese Frauen stehen mit beiden Beinen fest im Leben und möchten mit Hilfe der stationären Rehabilitationsbehandlung in der Berolina Klinik ihre vorhandenen Ressourcen aktivieren bzw. durch den Austausch mit Gleichgesinnten und durch die Heilbehandlung noch erweitern. Diese mit dem kraftvollen Titel „Strong Women Group“ benannte Therapiegruppe richtet sich dabei nach den ganz besonderen Bedürfnissen der besagten Zielgruppe und fokussiert auf typische Bewältigungsaufgaben und Probleme, die für diese Lebensphase typisch sind. Als weitere Besonderheit ist noch hervorzuheben, dass die Gruppentherapie ausschließlich von weiblichen Therapeutinnen durchgeführt wird, die auch zwischen den Sitzungen ein offenes Ohr für die Anliegen ihrer Patientinnen haben. Um sich ein besseres Bild vom Ablauf des Therapiekonzeptes machen zu können, soll der Ablauf im Folgenden kurz umrissen werden:

In der ersten Stunde erfolgt zunächst ein Kennenlernen der Gruppenmitglieder untereinander sowie eine Diskussion zum Thema „Lebensphasen“. Die zweite Gruppenstunde beschäftigt sich mit den verschiedenen Rollen und Rollenverständnissen von Frauen in ihrer aktuellen Lebenssituation. Beispiele sind die Rolle als Ehefrau und Mutter im familiären Umfeld oder auch die Rolle als „Karrierefrau“ in einem von Männern dominierten Wirtschaftsunternehmen. Beleuchtet werden dabei unter anderem seelisch bedeutsame Aspekte wie feststehende Kognitionen, Selbstbilder, Perfektionismus und Gesundheitsverhalten. In der dritten Gruppensitzung geht es dann speziell um den weiblichen Körper, Körperlichkeit, körperliche Gesundheit und die Eckpfeiler des modernen Gesundungskonzeptes der so genannten „Salutogenese“ (1). In der vierten Stunde kommen hauptsächlich berufliche Fragen und Probleme – auch die öffentlich viel diskutierten Themen Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Teilzeittätigkeit mit assoziierten Hürden und Bewältigungsaufgaben – zur Ansprache und darüber hinaus werden wichtige sozialrechtliche Fragen zu beruflichen Perspektiven nach Arbeitsunfähigkeitszeiten, zu Möglichkeiten einer stufenweisen Wiedereingliederung sowie zum Anspruch auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben im gemeinsamen Erfahrungsaustausch ausführlich besprochen (2). In der fünften Stunde werden schließlich elementare Grundlagen der Kommunikation vermittelt, da Missverständnisse durch ungünstiges Kommunikationsverhalten  z. B. ein wichtiger Grund für Partnerschaftskonflikte, aber auch für Probleme in der Kindererziehung und am Arbeitsplatz sein können (3). Die sechste Stunde beinhaltet schließlich einen zusammenfassenden Rückblick auf die erlebte Gruppentherapie und es erfolgt ein Feedback der Gruppenteilnehmerinnen. Ressourcen werden herausgearbeitet und gestärkt, um den Grundstein für einen erfolgreichen Transfer der neu erworbenen bzw. neu entdeckten Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Alltag zu legen.

Die übergeordnete Zielsetzung dieses innovativen Therapiekonzeptes für berufstätige Frauen zwischen 18 und 49 Jahren in Gruppenform besteht darin, den Patientinnen ein auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnittenes Forum anzubieten, um die oben genannten Themen offener ansprechen und lösungsorientiert bearbeiten zu können. Das gesamte Konzept ist dabei primär psychoedukativ ausgerichtet, bietet jedoch viel Platz für die gemeinsame Diskussion und den Erfahrungsaustausch der Patientinnen untereinander. Auch dieses Therapieprogramm wird als in Kooperation mit dem Institut für Psychologie der Technischen Universität Braunschweig (Prof. Dr. phil. habil. Wolfgang Schulz) von Dipl.-Psych. Annika Simon als „Strong Women Group“-Studie wissenschaftlich begleitet.


Literaturverzeichnis
(1) Blättner, B., Das Modell der Salutogenese. Präventive Gesundheitsförderung
2007; 2, 67–73.
(2) Siegrist, J., Dragano. N., Psychosoziale Belastungen und Erkrankungsrisiken im
Erwerbsleben. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung –
Gesundheitsschutz 2008; 51, 305–312.
(3) Overall, N. C., Fletcher, G. J. O., Simpson, J. A., Sibley, C. G., Regulating
partners in intimate relationships: The costs and benefits of different    communication strategies. Journal of Personality and Social Psychology 2009; 96 (3) 620-639.


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