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31.03.2009 | IREHA | Klinikprojekte

Neues Therapieprogramm W50 plus

Therapieangebot für Frauen zwischen 50 und 65 Jahren

Dipl.-Psych. Annika Simon
Suzanne Morshuis, Oberärztin Berolina Klinik
Prof. Dr. med. Gerhard Schmid-Ott, Ärztlicher Direktor Berolina Klinik

Vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Unterschiede in den körperlichen, psychischen und sozialen Aspekten des Alterns (1–4) stellt sich auch im Rahmen der stationären psychosomatischen Rehabilitation die Aufgabe, für die betroffenen Frauen mit psychischen bzw. psychosomatischen Störungen eine in Bezug auf diese Herausforderungen spezifische professionelle und die verschiedenen Bereiche umfassende Unterstützung anzubieten, die über die bisherigen, eher symptombezogenen, Therapieangebote (5) hinausgeht. Seit Anfang des Jahres 2008 erfolgt deshalb im Rahmen eines Modellprojektes die Implementierung und empirische Evaluation eines neuartigen Psychotherapieprogramms, das sich speziell an Frauen im Alter zwischen 50 und 65 Jahren richtet, die in der Abteilung Psychosomatik der Berolina Klinik in Löhne bei Bad Oeynhausen eine stationäre psychosomatische Rehabilitationsbehandlung durchlaufen. Nach positiver Resonanz und Bewährung in der Praxis wurde die ursprüngliche Intention durchgängig weiterentwickelt und so ist das neu konzipierte Therapieprogramm unter dem vorläufigen Arbeitstitel „W50 plus-Gruppe“ seit Oktober 2007 Gegenstand einer systematischen wissenschaftlichen Überprüfung geworden.

Anlass für die Konzeption eines maßgeschneiderten Sitzungsprotokolls für die so genannte „Generation W50 plus“, die Frauen im Alter zwischen 50 und 65 Jahren mit einschließt, war dabei die Tatsache, dass diese Zielgruppe mit Abstand den größten Teil an Patienten ausmacht, welche die Möglichkeit einer psychotherapeutisch betreuten stationären Rehabilitationsbehandlung, wie sie in der Abteilung Psychosomatik der Berolina Klinik angeboten wird, in Anspruch nehmen. Es wird dabei den Teilnehmerinnen vermittelt, dass jede Lebensphase besondere Anforderungen an Bewältigungsstrategien stellt und erfordert, sich an neue Rollen im beruflichen und privaten Bereich anzupassen. Ab ca. dem 50. Lebensjahr sind dies bei den betroffenen Frauen vor allem die Auswirkungen des Auszuges der Kinder auf die Partnerschaft, der Umgang mit teilweise nachlassender Leistungsfähigkeit bei steigenden beruflichen Anforderungen, körperliche Veränderungsprozesse und Krankheiten, die Pflege bzw. das Sterben der eigenen Eltern bzw. Schwiegereltern (6–9). In der Gruppentherapie werden Sachinformationen vermittelt, wichtig sind daneben gruppendynamische Prozesse zwischen den Patientinnen. Die Teilnehmerinnen profitieren von den Erfahrungen der anderen, Einstellungs- und Verhaltensänderungen können erprobt und korrigiert werden (vgl. z. B. 10).

Um diesen individuellen alters- und geschlechtsspezifischen Bedürfnissen und Erwartungen dieser Frauen im Rahmen der therapeutischen Möglichkeiten der Berolina Klinik gerecht werden zu können und damit das langfristige Outcome der gesamten Behandlung zu verbessern, erfolgte zunächst eine Analyse derjenigen alltäglichen Herausforderungen, Entwicklungsaufgaben sowie der beschriebenen Problemfelder, die einen wesentlichen Einfluss auf das psychische Wohlbefinden und die subjektiv empfundene Lebensqualität der Patientinnen der Generation „W50 plus“ haben. Im Sinne des modernen psychosomatischen Ansatzes, bei dem u. a. von einer dynamischen Interaktion zwischen körperlichem Befinden einerseits und
seelischem Zustand andererseits ausgegangen wird, scheint es nur schlüssig, insbesondere im rehabilitativen Versorgungssektor, der ganzheitlichen Betreuung und Begleitung der Patienten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die analytische Bestandsaufnahme bildete gemeinsam mit den standardisiert erhobenen üblichen Daten zur Qualitätskontrolle (Statistiken für die Deutsche Rentenversicherung Bund, für regionale Rentenversicherungen bzw. für die Gesetzlichen Krankenkassen, Patientenzahlen, epidemiologische Daten etc.) die Grundlage für die inhaltliche Strukturierung der einzelnen Gruppentherapie-Sitzungen. Der Ablauf des auf insgesamt sechs jeweils einstündigen Gruppentherapiesitzungen verteilten Programms soll im Folgenden kurz umrissen werden.

Nach der Begrüßung und einer kurzen Vorstellungsrunde der Teilnehmerinnen erfolgt eine Einführung in das Hauptthema der folgenden fünf Gruppensitzungen, wobei zunächst die besonderen Herausforderungen und so genannten Entwicklungsaufgaben jeder Lebensphase von der Kindheit bis ins Senium exemplarisch anhand von Beispielen vorgestellt werden. Im Anschluss haben die Teilnehmerinnen dann die Aufgabe, die für sie am wichtigsten erscheinenden Aufgaben der Lebensphase von Frauen im Alter zwischen 50 und 65 Jahren zusammenzutragen. In der zweiten Sitzung geht es zunächst um die körperlichen Veränderungen, die typisch für dieses Alter sind, wobei auch häufige menopausale Beschwerden sowie deren Prävention und Behandlung thematisiert werden. Begleitend erhalten die Patientinnen ein Hand-out sowie spezielle Broschüren mit weiterführenden Informationen und Literaturhinweisen.

Den inhaltlichen Schwerpunkt der dritten Sitzung bildet der breite Themenkomplex sozialrechtlicher sowie berufsbezogener Fragen, die wieder insbesondere die Generation „ W50 plus“ betreffen und im ersten Teil durch das Referat einer eingeladenen Sozialarbeiterin vorgetragen werden. Dieses Thema wurde mit einer eigenen Sitzung bedacht, da insbesondere bei rehabilitationsbedürftigen Erkrankungen in puncto Arbeitsunfähigkeit, Frühberentung und Umschulung auf die betroffenen Frauen viele rechtliche Fragen und Probleme zukommen, bei denen es meist schwer fällt, adäquate Hilfe und Unterstützung zu finden. Gegenstand der sich anschließenden vierten und fünften Gruppentherapiesitzung sind generationstypische Rollenveränderungen in Bezug auf Familie und soziales Umfeld (vierte Sitzung) bzw. in Bezug auf Partnerschaft und Sexualität (fünfte Sitzung). Inhaltliche Beispiele wären u. a. der Auszug der eigenen Kinder, die Berentung des Lebenspartners, berufliche Konkurrenz mit jüngeren Kollegen oder der Tod der eigenen Eltern. Ein wichtiges Element der Gruppenbehandlung ist die Interaktion untereinander, die Patientinnen werden motiviert, ihre persönlichen Erfahrungen in die Gruppendiskussion einzubringen, um sich gegenseitig zu unterstützen und voneinander zu lernen.

Das Therapieprogramm endet in der sechsten und letzten Sitzung schließlich mit einer großen, nicht-direktiven Abschlussdiskussion, einer Feedback-Runde und einem Ausblick, bei dem jede Teilnehmerin für sich resümieren kann, inwieweit sie die neuen Informationen und Erkenntnisse aus den Gruppentherapiesitzungen auch nach der Rehabilitationsbehandlung für sich im Alltag nutzen kann.

Seit der Konzipierung bzw. der Einführung des in diesem Bericht beschriebenen spezifischen Therapieprogrammes unter dem Arbeitstitel „ W50 plus-Gruppe“ für psychosomatische Rehabilitationspatientinnen im Alter von 50 bis 65 Jahren Anfang des Jahres 2008 in der Abteilung Psychosomatik der Berolina Klinik werden mittels psychometrischer Fragebogen kontinuierlich Daten erhoben, um im Rahmen einer kontrollierten Evaluationsstudie mit Ein-Jahres-Katamnese die Wirksamkeit dieses neu entwickelten Behandlungskonzeptes, einschließlich seines Einflusses auf sozialmedizinische Parameter, systematisch bewerten zu können.

Aus diesem Pilotprojekt wurde weiterhin in Kooperation mit dem Institut für Psychologie der Technischen Universität Braunschweig (Prof. Dr. phil. habil. Wolfgang Schulz) als psychologische Promotion der Medizinstudierenden (Medizinische Hochschule Hannover) Dipl.-Psych. Annika Simon die „W50 plus-Studie“ entwickelt. Die stete erfolgreiche Weiterentwicklung des klinischen Teils des Projektes, also der „W50 plus-Studie“, basiert insbesondere auf der kollegialen Zusammenarbeit des interdisziplinären Behandlungsteams aus Ärztinnen, Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen sowie dem Pflegepersonal der Klinik.

Literaturverzeichnis
(1) Bühring, P., Frauengesundheit: Prävention auch im höheren Alter sinnvoll.
Dtsch. Aerztebl 2008; 105: A-544.
(2) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht zur
gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Entwicklung in West- und Ostdeutschland. Schriftenreihe des BMFSFJ, Band 209. Verlag Kohlhammer Berlin 2001.
(3) Franke, A., Kämmerer, A., (Hrsg.) Klinische Psychologie der Frau - ein Lehrbuch.
Hogrefe Göttingen 2001.
(4) Wunderer, E., Partnerschaft zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Psychologie – Forschung – aktuell, Band 15. Beltz PVU Weinheim 2003
(5) Schmid-Ott, G., Wiegand-Grefe, S., Jacobi, C., Paar, G., Meermann, R.,
Lamprecht, F., (Hrsg.). Rehabilitation in der Psychosomatik – Versorgungs-
strukturen, Behandlungsangebote, Qualitätsmanagement Schattauer Verlag
Stuttgart 2008.
(6) McGarry, K. A., Landau, C., Menopause and mood. Med Health R I 2008; 91: 81,
84-5.
(7) Wylie, K., Daines, B., Jannini, E. A., Hallam-Jones, R., Boul, L., Wilson, L.,
Athanasiadis, L., Brewster, M., Kristensen, E., Loss of sexual desire in the postmenopausal woman. J Sex Med 2007; 4: 395-405.
(8) Towey, M., Bundy, C., Cordingley, L., Psychological and social interventions in
the menopause. Curr Opin Obstet Gynecol 2006; 18: 413-7.   
(9) Murkies, A., If not hormones-then what? Aust Fam Physician 2004; 33: 895-9.
(10) Staab, D., Diepgen, T. L., Fartasch, M., Kupfer, J., Lob-Corzilius, T., Ring, J.,
Scheewe, S., Scheidt, R., Schmid-Ott, G., Schnopp, C., Szczepanski, R., Werfel,
T., Wittenmeier, M., Wahn, U., Gieler, U., Age related, structured educational programmes for the management of atopic dermatitis in children and adolescents: multicentre, randomised controlled trial. BMJ 2006; 332: 933-8.


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