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27.03.2012 | IREHA | Klinikprojekte

Männerspezifische Ernährungsberatung

- ein gut eingeführtes Angebot der Berolina Klinik

Ulrike Schröder, Ltd. Diätassistentin Berolina Klinik
Prof. Dr. Scott Stock Gissendanner, Wissenschaftler im Ärztlichen Dienst Berolina Klinik

Adipositas und Präadipositas (Übergewicht) ist eine chronische Krankheit mit multifaktorieller Ätiologie. Trotz zum Teil erheblicher Therapieanstrengungen medizinischer und psychotherapeutischer Art besteht eine ausgeprägte Therapieresistenz. (1) Übergewicht und, noch stärker, Adipositas verursachen Kosten und zusätzliches persönliches Leiden in  Form von Folgeerkrankungen wie z. B. Diabetes mellitus Typ 2 und Hypertonie.

Seit Jahren ist bekannt, das Übergewicht bei Männern häufiger auftritt als bei Frauen. Aus Daten des statistischen Bundesamts vom Jahr 2009 geht hervor, dass 60 % der erwachsenen Männer und 43 % der erwachsenen Frauen in Deutschland übergewichtig bzw. adipös waren (Mikrozensus-Befragung 2010, www.destatis.de). Ein steigender Trend hält seit Jahren an. Eine dauerhafte, aber moderate Gewichtsreduktion von weniger als 10 % des Körpergewichts hat positive Auswirkungen auf die Gesundheit. (2) Für eine nachhaltige Gewichtsreduktion bringen Diätänderungen und eine konsequente Diätplanung eine große, wenn nicht sogar notwendige, Unterstützung. Die Bereitschaft, Ernährungsberatung wahrzunehmen ist jedoch bei Männerm weniger ausgeprägt. Das zeigte eine österreichische Studie einer Ernährungsberatung, wobei nur 7 % der Teilnehmer männlich waren. (3) Wenn Männer an einer Beratung doch teilnehmen, halten sie sich in gemischt-geschlechter Gruppen zurück. Damit werden möglicherweise Motivationsimpulse nicht aktiviert, die normalerweise in der Gruppensituation durch ein gegenseitiges Anspornen gestärkt werden. Schließlich sind die Ernährungsprobleme der Männer anders gelagert als bei Frauen. Für Männer ist zum Beispiel das Thema Alkoholreduktion viel bedeutender, als  plötzlicher Heißhunger. (4). Zu diesem Thema berichteten wir im IREHA-Rundbrief 2011/1 ausführlich.

Diese Problematik war auch an unserer Klinik zu beobachten. Bislang wurden in der Berolina Klinik zum Thema Gewichtsreduktion gemischte Gruppen angeboten. Der Männeranteil in unserer Klinik, wie in der stationären Rehabilitation insgesamt, ist deutlich geringer als der Frauenanteil. Das spiegelte sich in den Gruppen wieder mit einem deutlichen Frauenüberhang. Durch die entsprechende Unterzahl der Männer in den gemischten Gruppen kam es häufig dazu, dass sich die Männer wenig einbrachten, sich sogar innerlich zurückzogen.

Auf Anregung von Fr. Engelhardt (DRV Bund) wurde das Projekt „geschlechtsspezifische Ernährungsberatung (Männer) zum Thema Gewichtsverminderung“ an der Berolina Klinik gestartet. Nach gemeinsamer Absprache im Team waren sich alle einig, dass es sich um ein spannendes und interessantes Projekt handeln würde. Der Start für unsere Männergruppe war Juli 2011. Sie findet seitdem im vier-wöchentlichen Turnus statt. Sie erfolgt in drei Bausteinen. Die Inhalte basieren auf den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Innerhalb der Männergruppe zeigte sich, dass  zunächst die Widerstände gegen Ernährungsumstellung besprochen und zugelassen werden sollten, da Männer oftmals das Thema „Essen und Trinken“ nicht mit dem Thema „Gesundheit“ in Verbindung bringen. Erst wenn der Patient bereit ist, auch diesen Aspekt zu akzeptieren, steigt die Bereitschaft zur intensiven Mitarbeit stetig an.

Die Erkenntnis, wie viele Veränderungen im Essverhalten eingeleitet werden müssen, hilft den Männern realistische Ziele zu formulieren. Sie erlernen dabei, dass das Erreichen heldenhaft hoher Ziele schwer bis gar nicht umsetzbar ist, ohne Genuss- bzw. Lebensqualitätsverlust. Kleine Schritte in die richtige Richtung als Erfolg zu verbuchen, fällt den Männern „unter sich“ deutlich leichter als bislang in den gemischten Gruppen.

Ebenfalls fällt auf, dass Männer eher bereit sind, sich untereinander für schon „Geleistetes“ zu loben, die Erfahrungen der anderen Gruppenteilnehmer aufmerksamer wahrzunehmen und damit eine gute Gruppendynamik herzustellen. Die Bereitschaft, sich auf „Neues“ einzulassen, scheint nach den männerspezifischen Gruppenberatungen gestiegen zu sein. So wurde im Rehabilitationsverlauf deutlich, dass nach den männerspezifischen Gruppen die Sensibilisierung für eine gezielte Lebensmittelauswahl stattfand. Dies zeigte sich dadurch, dass die Männer häufiger Getreide und Gemüse (z. B. in Form von vegetarischen Gerichten) anwählten und somit den Fleischkonsum verminderten. Ebenfalls stieg das Interesse an unseren Lehrküchenveranstaltungen, in denen sie das theoretische Wissen praktisch umsetzen können. Dabei zeigten sich Männer den unterschiedlichen Zubereitungsmöglichkeiten gegenüber sehr interessiert und offen. Die gelungene Zubereitung der Gerichte erfüllt die Männer mit Stolz und das Bedürfnis, die Erfahrung nach außen zu tragen, stieg an.

Da gerade aus den Männergruppen viele Rückmeldungen zur positiven Gewichtsentwicklung und zu verändertem Essverhalten an uns herangetragen werden, suchten wir ein vertiefendes Feedback-Gespräch mit einem Teilnehmer, der die Ernährungsberatung in der Männergruppe sowie in der Lehrküche mitmachte. Herr Christoph* war zum Zeitpunkt des Interviews fünf Wochen in der Berolina Klinik. Er hatte in der Zeit schon knapp sechs Kilogramm abgenommen – ein sehr gutes Ergebnis. Als Polizist ist er Übungsleiter und hat daher nicht wenig Erfahrung und Know-how im Bereich Sport und Fitness. Aber durch ein drei-jähriges Weiterbildungsstudium und den Schichtdienst hat er bemerkt, dass er durch Bewegung allein das Gewicht nicht mehr so gut halten kann. Auch neue Führungsaufgaben in seinem Job erlauben immer weniger Zeit für sportliche Aktivitäten. Herr Christoph berichtet, dass auch, wenn für ihn Ernährung und Gesundheit immer ein Thema war, diese Themen jetzt viel mehr in den Vordergrund rücken. Ein weiterer positiver Ansporn ist, dass sich die Freundin  jetzt auch sehr intensiv damit beschäftigt und ebenfalls sehr gute Ergebnisse bei der Gewichtsreduktion hat. „Ich brauchte einfach den Tritt in den Hintern, auch was zu machen.“ Ein weiterer Grund, sich mit dem Thema Ernährung intensiver auseinander zu setzen, lag am Arbeitsplatz.  Es wird unter den Kollegen häufig darüber gesprochen, wie man sich durch besseres Essverhalten fit halten kann. Viele Kollegen arbeiten nicht mehr in den Hundertschaften, wo Zeit und Infrastruktur für Kraft- und Fitnesstraining zur Verfügung steht, sondern auf einer Wache, wo die Arbeit mit viel weniger Bewegung verbunden ist. „Da ist es wichtig, wenn man nicht mehr viel Sport machen kann, mehr über das Essen nachzudenken,“ sagt Herr Christoph. Er selbst wird noch häufiger zu Tee und Obst auf der Wache anhalten, anstatt wie vorher viel Kaffee während des Dienstes zu trinken und nach der Schicht eine deftige Mahlzeit als Belohnung zu genießen. Für ihn war es sehr wichtig, Strategien für die gesunde Ernährung bei Schichtarbeit zu entwickeln. Ob die Kolleginnen und Kollegen mal einen Witz machen über den grünen Tee und Obst? „Nein, im Gegenteil,“ sagt Herr Christoph. Er hat als Übungsleiter eher ein Vorbild in Sachen Gesundheit zu sein und das wird von den Kollegen nicht nur respektiert, sie unterstützen das aktiv und machen mit. „Ich hänge auch die zehn Regeln der guten Ernährung in unserer Teeküche auf, wenn ich wieder im Dienst bin.“ Selbst erfährt er in der Berolina Klinik eine ähnliche moralische Unterstützung von anderen Teilnehmern der Ernährungsgruppe, sagt er. Die Teilnehmer der Gruppe sprechen einander an, wenn sie sich auf dem Klinikgelände begegnen, und ermutigen einander zum Weitermachen. 

Die Erfahrung von Herrn Christoph zeigt, dass das Interesse auch von Männern an Ernährung durchaus vorhanden ist und durch gezielte Schulungen gestärkt werden kann. Für Männer ist das Thema in Verbindung mit Sportlichkeit und körperliche Leistungsfähigkeit gut anzudocken. Die gesundere Ernährung – mal grüner Tee statt Kaffee eben – wird unter Männern nicht mehr als etwas Außergewöhnliches gesehen.

*Name geändert  

Literatur

(1) Schmid-Ott, G und Begerow B. (Institut für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation GmbH an der Deutschen Sporthochschule Köln) (2007) Modellprojekt „GAST“ - Geschlechtsspezifische Adipositastherapie im stationären und im ambulanten Setting. Unveröffentlichtes Manuskript. Berolina Klinik, Löhne bei Bad Oeynhausen.

(2) Great Britain Department of Health. Choosing Health: Making Healthy Choices Easier. Norwich: Stationery Office. Available at: www.tso.co.uk/bookshop

(3) Kiefer I, Haberzettl C, Rieder A (2000) Ernährungsverhalten und Einstellungen zum Essen der Österreicherinnen. J Ernährungsmed 5:2-7

(4) Westernhöfer J (1996) Gezügeltes Essen und Störbarkeit des Essverhaltens. Göttingen: Hogrefe.

Ulrike Schröder, Scott Stock Gissendanner 


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