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26.06.2020 | IREHA | Klinikprojekte

Das Angebot „Gesundheitscoaching“ (Psychosomatische Sprechstunde) für Externe

Dr. Jörg Manzick, Chefarzt Psychosomatik Berolina Klinik

Die Berolina Klinik behandelt regelmäßig zahlreiche Personen mit stressbedingten psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Auffällig ist, dass viele Patient*innen, bis sie zu uns kommen, schon eine jahrelange Erkrankung mit entsprechend vielen Arbeitsunfähigkeitstagen hinter sich haben. Oft stehen am Anfang einer psychischen Erkrankung eine oder mehrere psychisch belastende Situationen und wir würden uns für unsere Patient*innen wünschen, dass sie schon viel früher Hilfe in dieser Situation bekommen hätten. Jedoch stand ihnen für die Überwindung solcher Situationen - wie zum Beispiel eine Ehescheidung, ein traumatisches Erlebnis oder ein erlebter Sinnverlust - oft kein zeitnahes professionelles Hilfsangebot zur Verfügung. Allzu oft suchen Betroffene auch gar nicht erst Hilfe, weil derart belastende Situationen selten mit einem abrupten Zusammenbruch der Funktionsfähigkeit einhergehen und weil das Aufsuchen eines Psychotherapeuten stigmatisiert wird. Statt eine berechtigte Pause zu machen und professionelle Unterstützung für die Aufarbeitung der Situation zu suchen, werden milde Symptome einer psychischen Erkrankung zu oft toleriert, bis sie irgendwann nicht mehr mild sind.

Unbehandelte Symptome psychischer Erkrankungen stellen auch ein Problem für Betriebe dar, weil sie die Gesundheit ihrer Mitarbeiter*innen und das gesunde Arbeitsklima im Betrieb belasten. In den letzten Jahren ist ein stetiger Anstieg der Arbeitsunfähigkeit von Erwerbstätigen aufgrund psychischer Erkrankungen zu verzeichnen, sowohl in Bezug auf die absolute Zahl der Betroffenen als auch auf den Anteil an Krankheitstagen insgesamt.

Seit einigen Jahren bemühen sich Betriebe, neue Angebote für Mitarbeiter*innen in psychisch belastenden Situationen im Rahmen der betriebsärztlichen Versorgung oder des betrieblichen Gesundheitsmanagements bereitzustellen. Ein inzwischen weit verbreitetes und bewährtes Modell ist die „psychosomatische Sprechstunde im Betrieb“ (Rothermund, Hölzer & Wegewitz 2018). Dahinter steht folgende Idee: Betriebe reservieren Beratungsstunden bei Psychotherapeuten für die eigenen Mitarbeiter*innen, damit jeder Mitarbeiter`*in bei Bedarf schnell ein Beratungsgespräch erhalten kann. Es geht bei solchen Beratungen nicht um Therapie oder Diagnostik, obwohl diese vom Psychotherapeuten eventuell empfohlen werden, sondern erst einmal nur um das offene Ohr eines Beraters mit Kompetenzen und Erfahrungen in der Beratung von Personen in psychisch belastenden Problemsituationen. Wichtig dabei ist auch, dass die Inanspruchnahme der Beratung immer vollkommen anonym ist. Niemand erfährt davon außer der Berater und die Person, die diese Beratung in Anspruch nimmt.

Die Beratung findet in Form von Gesprächen zwischen Mitarbeiter*innen und Psychotherapeut*innen statt, bei kleineren Betrieben meist nicht im Betrieb, sondern am Standort des Psychotherapeuten*innen. Vom Betrieb bezahlt werden in der Regel bis zu drei Beratungen pro Mitarbeiter pro Jahr. Falls nötig, empfiehlt der beratende Psychotherapeut eine weiterführende psychosoziale Beratung (z. B. Paarberatung oder Schuldnerberatung) oder eine Diagnostik und Behandlung im Rahmen der Regelversorgung.

Die Evaluationen solcher Angebote zeigen, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Regel mit der Beratung zufrieden waren und sie als hilfreich erlebt haben (siehe z. B. Stock Gissendanner et al. 2019, Rothermund et al. 2016). Die Gespräche helfen den Teilnehmern, aktuelle psychische Belastungen konstruktiv anzugehen und einen Weg durch eine potenziell krisenhafte Situation zu finden. Die Hoffnung der Anbieter besteht darin, psychische Erkrankungen in manchen Fällen zu vermeiden, weil psychische Symptome angegangen werden, wenn sie noch relativ mild und leichter zu beheben sind.

Der bedeutendste regionale Anbieter dieser Form von psychosomatischer Sprechstunde ist im westlichen Niedersachsen die Burghof-Klinik in Rinteln. Sie hat ihr „Gesundheitscoaching“ im Jahr 2016 eingeführt. Mittlerweile betreut sie Mitarbeiter*innen aus rund 20 Betrieben unterschiedlicher Größe.

Anfang 2020 beschloss die Geschäftsführung der Burghof-Klinik, auch für ihre eigenen Mitarbeiter*innen ein Gesundheitscoaching-Angebot bereitzustellen. Sie kam auf die Berolina Klinik zu mit der Frage, ob unser psychotherapeutisches Personal diese Beratungen anbieten könnte. Schnell entwickelte sich die Idee, dass die Mitarbeiter beider Häuser durch die Psychotherapeuten des jeweils anderen Hauses eine Beratung im Rahmen einer psychosomatischen Sprechstunde erhalten könnten. Diese Kooperation haben wir im März finalisiert. Jetzt können auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Berolina Klinik das Angebot der Burghof-Klinik wahrnehmen, absolut anonym und für sie kostenfrei.

Für die Berolina Klinik passte das Angebot der Burghof-Klinik auch sehr gut zur Durchführung einer neuen Gefährdungsbeurteilung psychischer Gesundheit für unsere Arbeitnehmer*innen. Durch unsere Erfahrungen als Behandler wissen wir, wie wichtig die Unterstützung durch den Arbeitgeber für Personen mit besonderen psychischen Belastungen oder Beeinträchtigungen ist. Mit der neuen Gefährdungsbeurteilung und dem neuen Angebot einer psychosomatischen Sprechstunde wollen wir mit gutem Beispiel vorangehen.


Literatur

Rothermund E, Gündel H, Rottler E, Hölzer M, Mayer D, Rieger M, Kilian R. 2016. Effectiveness of psychotherapeutic consultation in the workplace: a controlled observational trial. BMC Public Health 16: 891-12.

Rothermund E, Hölzer M, Wegewitz U: Die psychosomatische Sprechstunde im Betrieb – Angebot mit Konsiliarcharakter. In: PiD - Psychotherapie im Dialog 2018; 19: 50-54.

Stock Gissendanner S, Weiß C, Herten B, Wrage W, Stegmann R, Dietrich DE, Stark H, Krähnke U. 2019. Eine psychosomatische Sprechstunde für die regionale betriebsnahe Versorgung. ASU Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 55 (1): 43-49.


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