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26.03.2012 | IREHA | Klinikprojekte

Burnout-Syndrom: Auf dem Weg zu einer wissenschaftlich fundierten Diagnose und Behandlung?

Prof. Dr. Scott Stock Gissendanner, Wissenschaftler im Ärztlichen Dienst Berolina Klinik
Prof. Dr. med. Gerhard Schmid-Ott, Ärztlicher Direktor Berolina Klinik

Der Begriff „Burnout-Syndrom“ - „Ausgebrannt sein“, auch als beruflich bedingte bzw. Erschöpfungsdepression bezeichnet – bezieht sich auf einen "Symptomkomplex mit dem Kardinalsymptom Erschöpfung als Reaktion auf eine lange andauernde emotionale und interpersonelle Belastung am Arbeitsplatz",(1) einschließlich des „Arbeitsplatzes“ im Dienst der eigenen Familie. Zwei weitere Hauptsymptome sind: Depersonalisierung (oder Zynismus) im beruflichen Umgang mit anderen Personen und die reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit.

Seit einem Jahr ist der Medienwirbel um den Begriff Burnout-Syndrom riesig. Die lang andauernde Reportageflut war dabei zumindest positiv in einer Hinsicht: Sie machte das Problem deutlich, dass der globale ökonomische und soziale Wandel es zunehmend schwierig macht, Karriere, Familienleben und persönliche Identität glücklich zu vereinbaren. Die öffentliche Meinung um das Burnout-Syndrom wurde jedoch durch die zahlreichen Publikationen womöglich noch polarisierter. Einige Autoren meinten, wir würden in einer Art „Volkskrankheit“ stecken, oder dass wir sogar in einer „ausgebrannten Republik“ (FAZ-Online) leben würden. Bei vielen Autoren kam dann die logische Gegenreaktion: die Menschen seien einfach zu „sensibel“ geworden und nicht mehr belastbar.

Keine dieser extremen Positionen ist richtig. Das Burnout-Syndrom ist vielmehr Resultat der körperlichen und psychischen Reaktion auf Dauerstress und beruht daher sowohl auf dem gesellschaftlichem Wandel als auch auf der persönlichen Belastbarkeit.

Die Skeptiker haben in einer Sache Recht: Fachleute weisen darauf hin, dass das Burnout-Syndrom keine eigenständige medizinische Diagnose ist. Stattdessen versteht man darunter eine allgemeinverständliche Bezeichnung für eine Reihe psychischer Störungen, die vor allem unter belastenden Arbeitsbedingungen entstehen. Das Burnout-Konzept hat es damit zwar zu einer großen gesellschaftlichen Akzeptanz gebracht, für die Fachwelt fehlt es aber an der nötigen Präzision des Konzepts. In der Internationalen Klassifikation von Krankheiten taucht das Burnout-Syndrom auch „nur“ als Zusatzdiagnose auf (Z73.0): einer der Faktoren, „…die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen.“ Die Kategorie Z ist für Fälle vorgesehen, in denen Sachverhalte als Probleme angegeben sind, die jedoch nicht als Krankheit, Verletzung oder äußere Ursache unter den Kategorien A00-Y89 klassifizierbar sind.

Jedoch, in nüchterner Abwägung der Debatte um die Wissenschaftlichkeit des Burnout-Syndroms sollen wir nicht außer Acht lassen, dass der Zusammenhang zwischen chronischem Stress und somatischen und psychischen Erkrankungen wissenschaftlich unumstritten ist. Dauerstress macht krank und viele Menschen sind für dessen Bewältigung auf externe Hilfe angewiesen. Die Prävalenzraten von Frühverrentungen und Arbeitsausfällen aufgrund von psychisch und psychosomatisch bedingten Störungen im Allgemeinen haben sich zwischen 1993 und 2008 mehr als verzweifacht. (2) Es besteht vermutlich ein Zusammenhang zwischen dem Burnout-Syndrom und den Krankheitstagen sowie der permanenten Arbeitsunfähigkeit. (3-6)  Die Zahl der Personen in psychiatrischen und psychosomatischen Rehabilitationskliniken, die an Burnout-typischen Symptomen leiden, wächst. Die klinischen Angebote für Burnout-Syndrom-Betroffene nehmen ebenfalls zu und werden nach Berufsgruppen und anderen Kriterien immer weiter differenziert.

Trotz aller definitorischer Probleme in Bezug auf das Konstrukt Burnout-Syndrom kann man positiv formulieren, dass es doch einen breiten wissenschaftlichen Konsens in folgenden Bereichen gibt: Erschöpfung gilt als Kardinalsymptom des Burnout-Syndroms. Atypische körperliche Distresssymptome kommen häufig vor. Burnout-Symptome sind vor allem arbeitsbezogen und nicht auf alle Lebensbereiche, wie in der Regel bei Depressiven Störungen. Die Symptome manifestieren sich meistens bei Personen, welche vorher nicht an psychischen Störungen litten. Und, letztens, die begleitende Leistungsverminderung ist vor allem eine Konsequenz von negativen Einstellungen und Verhaltensweisen. Insofern können wir von einem wissenschaftlich begründeten realen Problem sprechen.

In den letzten Jahren liegen außerdem zunehmend medizinische Studien vor, die Verbindungen zwischen dem Burnout-Syndrom und einer Reihe wichtiger Biomarker untersuchen, welche im Zusammenhang mit stressbedingten Krankheiten stehen. Bis dato erfolgte die Untersuchung von 38 Biomarkern, die mit der HPA-Achse, dem vegetativen Nervensystem, dem Immunsystem, dem Stoffwechsel, den Antioxidantien, Hormonen und dem Schlaf zusammenhängen. (7) Besondere Aufmerksamkeit gilt Cortisol, dem Blutdruck und der Herzfrequenz, dem C-reaktiven Protein (CRP), Fibrinogen, Adrenalin, Noradrenalin, Serotonin und Prolaktin. Noch sind zu wenige eindeutig replizierbare Ergebnisse vorhanden. Man kann aber hoffen, dass uns in Zukunft diese Forschungsrichtung ein besseres Verständnis der Prozesse verschafft, die heute durch den Begriff „Burnout-Syndrom“ noch etwas unscharf beschrieben  sind.

Bei der Behandlung der Symptome eines Burnout-Syndroms zeigt sich, dass auch hier ein gewisser Konsens erreicht ist. Die meisten Psychotherapeuten sind sich darin einig, dass Betroffene zwei Hauptbereiche bearbeiten müssen. (8) Erstens müssen sie lernen, ihren Umgang mit Stress zu ändern, d. h. Stressvermeidung, Stressbewältigung und Stressabbau. Im stationären Setting ist das in der Regel leichter, weil der äußere Abstand auch eine innere Distanzierung erleichtert; außerdem können neue Verhaltensweisen mit relativ wenig sozialen Konsequenzen erprobt werden. Zweitens muss man sich mit den externen Ursachen von bestehendem Arbeitsstress befassen.

Noch liegt das Ziel einer evidenzbasierten Wissenschaft des Burnout-Syndroms vor uns. Die Entscheidungen zur Diagnose und Behandlung sind immer noch individuell in enger Konsultation mit einem kompetenten Arzt bzw. Ärztin zu treffen. Falls Arbeitsstress als komplizierender Faktor identifiziert wird, kann die stationäre Reha ein wichtiger Bestandteil des Behandlungsrepertoires sein.

Literatur

(1) von Känel, R. Das Burnout-Syndrom: eine medizinsche Perspektive [The burnout syndrome: a medical perspective]. Praxis (Bern 1994 ) 2008; 97: 477-87. 

(2) Gebert F. Burnout - Wenn Arbeit krank  macht. 10/2010 ed.  2011. 

(3)  Toppinen-Tanner S, Ojajarvi A, Vaananen A, et al. Burnout as a predictor of medically certified sick-leave absences and their diagnosed causes. Behav Med 2005; 31: 18-27.

(4 ) Ahola K, Kivimaki M, Honkonen T, et al. Occupational burnout and medically certified sickness absence: a population-based study of Finnish employees. J Psychosom Res 2008; 64: 185-93.

(5 )Ahola K, Gould R, Virtanen M, et al. Occupational burnout as a predictor of disability pension: a population-based cohort study. Occup Environ Med 2009; 66: 284-90.

(6) Hallsten L, Voss M, Stark S, Josephson M. Job burnout and job wornout as risk factors for long-term sickness absence. Work 2011; 38: 181-92.

(7) Danhof-Pont MB, van VT, Zitman FG. Biomarkers in burnout: A systematic review. J Psychosom Res 2011; 70: 505-24.

(8) Schüler-Schneider A, Schneider B, Hillert A. [Burnout as a disease category]. Psychiatr Prax 2011; 38: 320-2.

Christian Stock, Scott Stock Gissendanner, Gerhard Schmid-Ott 


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