Wie läuft eine psychosomatische Rehabilitation ab?

Autor: Professor Dr. med. Torsten Passie
Chefarzt Psychosomatik, Berolina Klinik

Der Prozess der Beantragung und die Inhalte der Therapien sind oft unklar für Menschen, die auf der Suche nach Hilfe für ihre psychosomatischen Symptome sind. Um ihnen eine Orientierung zu bieten, hat Prof. Dr. med. Torsten Passie, Chefarzt der Abteilung Psychosomatik, den folgenden Überblick geschrieben. Er führt in die therapeutischen Hintergründe ein und beantwortet die uns häufig gestellten Fragen.

 

Psychosomatische Rehabilitation 
Psychosomatische Erkrankungen machen uns auf die Wechselwirkungen von Seele (Psyche) und Körpergeschehen aufmerksam. Ein jeder wird wissen, dass eine plötzlich auftretende Angst den Pulsschlag beschleunigt und den Blutdruck steigert, vielleicht auch zum Schwitzen führt.
Eine Vielfalt von Ursachen kann zu psychosomatischen Erkrankungen führen. Typisch sind etwa schwierige Erfahrungen während des Aufwachsens als Kind oder Jugendliche/r, aber auch belastende Erfahrungen und Situationen im Leben als Erwachsene/r können zu psychischen Problemen führen.
Auch eine schwierige Situation am Arbeitsplatz oder Probleme mit z. B. Scheidung und Familie können zu seelischen Belastungen führen, die in psychische oder psychosomatische Erkrankungen münden können. Dazu gehören beispielsweise körperliche Symptome wie Bauchschmerzen, (psychogene) Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen. All diese Beschwerden können durch psychische Ursachen hervorgerufen werden. Doch können umgekehrt auch Angst und Depressivität schwerere körperliche Erkrankungen begleiten.
Die Diagnose einer psychosomatischen Erkrankung findet oft erst nach längerer Belastungszeit statt. Zumeist ist dafür eine fachärztliche Konsultation erforderlich. Die dann hoffentlich folgende Psychotherapie und/oder Pharmakotherapie ist meist langwierig.
In Deutschland bietet die psychosomatische Rehabilitation eine Säule der Prävention, d. h. der Verhinderung von Aufrechterhaltung oder Verschlimmerung (Chronifizierung) psychischer Erkrankungen.
Das deutsche Rehabilitationssystem ist in der Welt einzigartig. Es sorgt in vielen Fällen dafür, dass keine Chronifizierung von Krankheiten eintritt, da sie durch kompetente ärztliche und psychotherapeutische Behandlung abgefangen bzw. gebessert werden.
Beweggründe für eine psychosomatische Rehabilitation
Psychosomatische Erkrankungen sind häufige Erkrankungen. Sie treten bei 5 bis 10% der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland auf. Bevor eine solche Erkrankung manifestiert wird, gibt es schon Beschwerden, die der eigentlichen psychischen Erkrankung vorausgehen. So können etwa chronisches Stressempfinden, Resignation oder Angstgefühle, aber auch niedergedrückte Stimmung und Mutlosigkeit Vorboten einer ernsteren psychischen Erkrankung sein. Auf körperlicher Ebene entstehen durch anhaltenden stärkeren Stress oftmals Anspannungen, Magenprobleme, Schmerzen und andere körperliche Symptome.
Typische Diagnosen, die in der psychosomatischen Rehabilitation behandelt werden, sind das depressive Erschöpfungssyndrom, leichte und mittelschwere Depressionen, Angststörungen, das sogenannte Burn-out, aber auch Störungen der Anpassung an aktuelle Lebensumstände (oder deren Veränderung). Wenn Trauer und Verbitterung länger anhalten, so können auch daraus psychische Erkrankungen entstehen. Dazu kommen die eigentlichen psychosomatischen Erkrankungen wie Verspannungssyndrome, chronische Schmerzen ohne greifbare organische Ursache, Magen-Darm-Probleme und Ähnliches.
Da Körper, Geist und Seele stets zusammenwirken, beeinflussen sie sich gegenseitig. Für die Therapie heißt das, dass Geist und Seele auf die psychischen und körperlichen Symptome Einfluss nehmen können. Daher konnte die Wissenschaft feststellen, dass Psychotherapie die wirksamste Methode der Behandlung psychosomatischer Störungen darstellt.
Aus diesem Grund steht im Zentrum der psychosomatischen Rehabilitation die psychotherapeutische Behandlung, d. h. Sie werden in der Klinik vor allem mit Gruppenpsychotherapie und Einzelpsychotherapie behandelt. Dazu kommen Kreativtherapien, die sich als förderlich erwiesen haben. Auf der körperlichen Ebene werden durch Physiotherapie und Sporttherapie Beschwerden gelindert und Ressourcen aktiviert.
Das Finden einer geeigneten Reha-Maßnahme
Zumeist wird in Kooperation mit dem Hausarzt/der Hausärztin eine Reha-Maßnahme vorgeschlagen. Vorher sollte eine diagnostische Abklärung erfolgt sein. Dies ist vor allem wichtig, um mögliche körperliche Ursachen abzuklären. So können Rückenschmerzen etwa Ursachen im Knochenbau haben, sind aber erfahrungsgemäß in vielen Fällen durch psychosozialen Stress verursacht. Erst wenn eine psychische (Mit-)Verursachung der Beschwerden gesichert ist, kann eine psychosomatische Rehabilitation sinnvoll und zielführend sein – und sollte beantragt werden.
Liegt der Anlass für eine psychosomatische Rehabilitation vor, so ist zu beachten, ob die Betroffenen trotz der Beschwerden körperlich und psychisch hinreichend belastbar sind, um an einer Rehabilitation teilzunehmen. Außerdem muss eine große Wahrscheinlichkeit bestehen, dass die Behandlung die Erkrankung positiv beeinflussen kann.

 

Wofür eine psychosomatische Rehabilitation nicht geeignet ist
Eine psychosomatische Rehabilitation ist dann nicht geeignet, wenn die vorliegenden Störungen eindeutig auf organische Ursachen zurückzuführen sind. Außerdem gibt es einige Krankheitsbilder, die für eine psychosomatische Rehabilitation nicht geeignet sind. Dazu gehören die akuten Psychosen (Schizophrenie, Manie, wahnhafte Depression), aber auch eine ausgeprägte psychische Instabilität oder ernste Selbstmordgedanken. Auch Essstörungen und Alkohol- oder Spielsucht werden in anderen spezialisierten Kliniken behandelt.
Die Beantragung einer psychosomatischen Rehabilitation
Die psychosomatische Rehabilitation als ein sogenanntes Heilverfahren muss mit einem Formular beantragt werden. Sie und Ihr Hausarzt/Ihre Hausärztin müssen die Gründe dafür darlegen, weshalb eine Rehabilitationsbehandlung bei Ihnen erforderlich ist. Die Begründung sollte mit ärztlichen Befunden hinterlegt sein. Der Rehabilitationsantrag wird dann bei der Deutschen Rentenversicherung zur Genehmigung eingereicht. Sollte ein Antrag aus Ihnen nicht nachvollziehbaren Gründen abgelehnt werden, so können Sie Widerspruch einlegen. Vielen Widersprüchen wird bei ausreichender Begründung durchaus stattgegeben.
Ist der Antrag genehmigt, so haben Sie die Möglichkeit, ein sogenanntes Wunsch- und Wahlrecht zu nutzen, d. h. Sie können Ihre Wunsch-Reha-Kliniken direkt in dem Rehabilitationsantrag der DRV vorschlagen. Die Wartezeiten bei den Reha-Kliniken können sehr unterschiedlich sein. Sie können mehrere Monate betragen.
 
Wer bezahlt eine Rehabilitationsmaßnahme?
Die Kosten einer Rehabilitation werden vom Rentenversicherer oder der Krankenversicherung getragen. In Ausnahmefällen, wenn keine Kostenübernahme genehmigt wird, kann eine Rehabilitation auch von den PatientInnen privat bezahlt werden.
Alle erwachsenen Reha-PatientInnen müssen allerdings 10 Euro am Tag für die Reha-Behandlung zuzahlen. Diese Tagesgebühr wird von der Rentenversicherung übernommen, wenn Sie von der Zuzahlungspflicht befreit sind. Diese Zuzahlung ist auf maximal 42 Tage pro Kalenderjahr begrenzt. Der Arbeitgeber übernimmt die Lohnfortzahlung während der Zeit der Rehabilitation. Nach sechs Wochen übernehmen die Krankenkassen oder andere Sozialleistungsträger die Lohnfortzahlung.
 
Wie lange dauert eine psychosomatische Rehabilitationsbehandlung?
Eine psychosomatische Reha wird in der Regel für fünf Wochen genehmigt. Nicht selten kommt es zu Verlängerungen, d. h. nach ärztlicher Beurteilung wird die Behandlung um ein bis zwei Wochen verlängert.
 
Wie läuft eine psychosomatische Rehabilitationsbehandlung ab?
In einem Aufnahmegespräch mit einer Ärztin/einem Arzt erfolgen die Erfassung der aktuellen Beschwerden und der medizinischen Vorgeschichte sowie eine körperliche Untersuchung. Auf dieser Grundlage werden dann die Ziele für die Rehabilitation und die individuelle Kombination der einzelnen Anwendungen ausgesucht. Hierfür sind sowohl die FachärztInnen als auch AssistenzärztInnen zuständig.
Im Vordergrund stehen, wie schon oben erwähnt, psychotherapeutische Anwendungen in Einzel- und Gruppentherapien. Dazu kommen Achtsamkeitsgruppen, Kunst- und Ergotherapie, Physiotherapie, Sporttherapie und eine Reihe anderer Anwendungen. Je nach Lage und Möglichkeiten der Klinik können auch gemeinsame Spaziergänge und Ausflüge in die Natur unternommen werden.
Auch die Möglichkeit einer Behandlung mit Psychopharmaka wird von ärztlicher Seite in jedem Fall geprüft und gegebenenfalls eingeleitet.
Die aktive Mitarbeit des Patienten ist eine Voraussetzung für den Erfolg
Bei manchen PatientInnen besteht die Vermutung oder Haltung, dass sie sich in eine Behandlung begeben und diese „wie von selbst“ zum therapeutischen Erfolg führt.
Das scheint naheliegend, da wir alle von ÄrztInnen schon mal eine Behandlung oder ein Medikament erhalten haben, was die Beschwerden beseitigt hat.
Im Unterschied dazu bedarf es in der psychosomatischen Rehabilitation einer erheblichen Mitwirkung der PatientInnen. Die Beschwerden sollen gelindert, die Ressourcen aktiviert werden. Dies geschieht im Rahmen der Psychotherapie, die meist einen heilsamen Einfluss auf die Erkrankung hat. Diese Heilwirkung kann sich jedoch nur entfalten, wenn die PatientInnen gleichfalls darum bemüht sind, sich für die Behandlung zu öffnen und aktiv mitzuarbeiten.
Die Einzelpsychotherapie bietet den Vorteil des intimen menschlichen Kontaktes und Austausches. Diese ist wichtig, um sich Dinge zu verdeutlichen, Dinge zu ordnen und sich zu entlasten. Das gleiche gilt für die Gruppenpsychotherapie, in welcher Menschen zusammenkommen, die ähnliche Problemlagen oder Symptome haben und mit ihnen umgehen müssen. Das Zusammensein und der Austausch in der Gruppe können sehr unterstützend wirken.
Vieles im Heilungsprozess geht über die Beziehung von PatientInnen und TherapeutInnen hinaus. So etwa die Verbesserung der körperlichen Fitness und der sozialen Integration. Nicht selten geht es um eine sanfte Rückkehr in den Berufsalltag durch eine stufenweise Wiedereingliederung. Auch das Wissen über gesunde Ernährung oder das Sozialleistungssystem gehören dazu. Die professionelle Zusammenarbeit diverser Berufsgruppen kennzeichnet die psychosomatische Rehabilitation.
Beteiligte Spezialisten und Fachrichtungen
Je nach Klinik können OrthopädInnen, NeurologInnen oder FachärztInnen für Innere Medizin, Urologie oder Geriatrie an der psychosomatischen Rehabilitation beteiligt sein.
 
Gibt es die Möglichkeit, Begleitpersonen mitzubringen?
Grundsätzlich ist es bei einer Rehabilitation möglich, eine Begleitperson mitzubringen. Wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, übernehmen Krankenkasse oder Rentenversicherung die Kosten für die Begleitperson.
Nicht alle Reha-Kliniken bieten die Möglichkeit, Begleitpersonen, Kinder oder auch zu pflegende Angehörige mitzubringen. Sie sollten sich bei Ihrer Klinikauswahl darüber informieren, ob dies möglich ist. In einigen Kliniken ist es möglich, Hunde oder Katzen mitzubringen. Welche Kosten dabei entstehen, erfragen Sie bitte bei der jeweiligen Klinik.
Für einige PatientInnen kann das Mitbringen einer Begleitperson therapeutisch unterstützend sein. In vielen Fällen ist es jedoch so, dass es für die PatientInnen günstig ist, wenn man sich ganz auf sich selbst und die Therapien konzentrieren kann.
 
Nachsorge nach der psychosomatischen Rehabilitation
Wenn die psychosomatische Rehabilitation zu Ende geht, stellt sich für viele PatientInnen die Frage: Wie geht es nach der Reha weiter? Um den Erfolg der Rehabilitationsbehandlung zu stärken und fortzuführen, wurden verschiedene Angebote zur Nachsorge entwickelt. Diese Angebote können bei der Stabilisierung des Behandlungserfolges und der Umsetzung im Alltagsleben hilfreich und unterstützend sein.
Die DRV bietet das Programm Psy-RENA an. Dieses beinhaltet 25 wöchentliche Gesprächstermine, die in einer Gruppe von acht bis zehn Personen stattfinden. In besonderen Fällen können auch bis zu acht Einzelgespräche geführt werden.
Eine Nachsorge kann auch in digitaler Form stattfinden. Informationen dazu liefert z. B. DE-RENA. Informationen dazu liefert der Anbieter.
Nicht wenige PatientInnen erhalten im Rahmen der psychosomatischen Rehabilitation die Empfehlung für die Durchführung einer Einzelpsychotherapie, wie sie von den Krankenkassen finanziert wird. Diese kann eine gute Ergänzung der Nachsorge nach einer Rehabilitationsbehandlung sein.

Ihr Kontakt zu IREHA

 
Adresse/Ansprechpartner:
IREHA – Institut für Innovative Rehabilitation
 
Ärztlicher Leiter:
Prof. Dr. med. Gerhard Schmid-Ott
Kontakt/Sekretariat:
Frau Verena Linnenkamp
Koblenzer Straße 1
D-32584 Löhne/Bad Oeynhausen
Telefon +49 (0) 5731-782752
Fax +49 (0) 5731-782777
E-Mail: info@ireha.de

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