Autorin:
Dr. rer. medic. Tuğba Aksakal
Autorin:
Dr. PH Yüce Yilmaz-Aslan
Dipl.-Soz., Dipl.-Päd.
Autor:
Prof. Dr. PH Patrick Brzoska
MSc, EMPH
Rassismen in der Gesundheitsversorgung (RiGeV) –
ein Forschungsprojekt mit Unterstützung der Berolina Klinik
Lehrstuhl für Versorgungsforschung
Fakultät für Gesundheit, Department für Humanmedizin
Universität Witten/Herdecke
Das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderte Verbundprojekt „Rassismen in der Gesundheitsversorgung (RiGeV)“ wird gemeinsam von drei Standorten umgesetzt: der Universität Witten/Herdecke (UW/H), der Hochschule Fulda und der Alice Salomon Hochschule Berlin. Ziel des Projekts ist es, Rassismen in der Gesundheitsversorgung in Deutschland systematisch zu untersuchen, die Perspektiven von PatientInnen und Beschäftigten einzubeziehen und auf dieser Basis Handlungsempfehlungen zu entwickeln, wie rassistische Diskriminierung in Gesundheitseinrichtungen abgebaut oder verhindert werden kann.
Mit „Rassismen“ bzw. „rassistischer Diskriminierung“ meinen wir in diesem Projekt Benachteiligungen oder abwertende Handlungen, die auf zugeschriebenen Merkmalen wie Hautfarbe, Herkunft oder Namen beruhen und sich auch auf sprachliche Merkmale wie einen Akzent oder geringe Deutschkenntnisse beziehen können.
Der Projektteil der Universität Witten/Herdecke (UW/H)
Der Beitrag der UW/H zum RiGeV-Projekt besteht aus drei zentralen Untersuchungsschritten: einer Dokumentenanalyse, einer Online-Befragung von PatientInnen sowie einer Online-Befragung von Gesundheitseinrichtungen.
1. Dokumentenanalyse von Online-Beiträgen
Ein erster Schwerpunkt lag auf der Auswertung von Online-Beiträgen zu Diskriminierungserfahrungen im Gesundheitswesen. Hierfür wurden öffentlich zugängliche Beiträge von Bewertungsplattformen wie jameda.de und klinikbewertungen.de sowie Beiträge aus sozialen Medien herangezogen.
Ziel der Analyse war es, ein umfassendes Bild davon zu erhalten, wie PatientInnen ihre Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung im Gesundheitssystem beschreiben. Die Beiträge zeigen, dass Diskriminierung häufig in der Kommunikation stattfindet – etwa durch abwertende Kommentare, mangelnden Respekt oder stereotype Zuschreibungen. Betroffene berichteten zudem von Situationen, in denen sie sich teilweise medizinisch nicht ernst genommen fühlten oder das Gefühl hatten, weniger sorgfältig behandelt zu werden.
Markant war auch der Unterschied zwischen den Plattformen: Während die diskriminierungsbezogenen Beiträge auf Bewertungsportalen häufig kürzer und stärker auf konkrete Situationen in Arztpraxen oder Kliniken fokussiert waren, waren Social-Media-Beiträge zwar seltener, aber oft deutlich ausführlicher und emotionaler formuliert. Sie spiegeln nicht nur konkrete Vorfälle wider, sondern thematisieren auch die längerfristigen Folgen solcher Erfahrungen, wie beispielsweise ein vermindertes Vertrauen in das Gesundheitssystem.
2. Online-Befragung von PatientInnen
In einer weiteren Untersuchung wurden PatientInnen online zu ihren Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung im Gesundheitswesen befragt. Die Befragung richtete sich insbesondere an Personen mit Migrationsgeschichte und/oder Rassismuserfahrung und erfasste sowohl die Häufigkeit als auch die Art der erlebten Diskriminierung.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass rassistische Diskriminierung vor allem in Arztpraxen und Krankenhäusern erlebt wird. Häufig beschrieben die Teilnehmenden herabwürdigendes Verhalten wie beispielsweise das Ignorieren von PatientInnen, unfreundliche Ansprache oder das Hinterfragen ihrer Glaubwürdigkeit. Auch strukturelle Diskriminierung, etwa durch fehlende Sprachmittlung oder lange Wartezeiten bei bestimmten PatientInnengruppen, wurde benannt.
Ein wichtiges Ergebnis ist zudem, dass diese Erfahrungen langfristige Auswirkungen auf das Verhalten der Betroffenen haben können: Viele gaben an, medizinische Hilfe künftig eher zu vermeiden oder nur im Notfall aufzusuchen, aus Angst vor erneuter Diskriminierung.
3. Online-Befragung von Rehabilitationseinrichtungen und Krankenhäusern
Ein weiterer Schwerpunkt an der UW/H war die Befragung von stationären Rehabilitationseinrichtungen sowie ergänzend auch von Krankenhäusern. Befragt wurden dabei Führungskräfte, QualitätsmanagerInnen und BeschwerdemanagerInnen, um einen Einblick zu erhalten, wie Einrichtungen mit Fällen rassistischer Diskriminierung umgehen und welche Strukturen bereits bestehen. Die Berolina Klinik war eine von mehreren Kliniken, die in dieser Phase der Studie mit uns im Austausch waren.
Die Ergebnisse zeigen, dass rassistische Vorfälle nicht nur PatientInnen, sondern auch Mitarbeitende betreffen. In vielen Rehabilitationseinrichtungen kommt es sowohl zu Diskriminierung durch PatientInnen gegenüber Beschäftigten als auch zu Konflikten zwischen KollegInnen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass bislang nur wenige Einrichtungen systematische Beschwerde- oder Unterstützungsangebote haben, um Betroffene von Diskriminierung zu schützen oder zu beraten.
Besonders für den Bereich der Rehabilitation ist dieser Befund bedeutsam: RehabilitandInnen verbringen hier längere Zeit in den Einrichtungen und begegnen dabei immer wieder denselben Mitarbeitenden – umgekehrt gilt dies ebenso. Dadurch entstehen intensive und wiederkehrende Kontakte, in denen sich diskriminierende Erfahrungen besonders stark auswirken können, zugleich aber auch gezielte Präventions- und Sensibilisierungsmaßnahmen ansetzen können.
Ausblick
Die Ergebnisse der Arbeitspakete fließen nun in die Entwicklung praxisnaher Handlungsempfehlungen ein. Ziel ist es, konkrete Ansätze zu formulieren, wie Gesundheitseinrichtungen – insbesondere im Bereich der Rehabilitation – besser auf rassistische Diskriminierung reagieren und präventiv handeln können. Diese Empfehlungen werden im Herbst im Rahmen weiterer Workshops mit ExpertInnen aus Wissenschaft und Praxis diskutiert und weiterentwickelt.
Adresse/Ansprechpartner:
IREHA – Institut für Innovative Rehabilitation
Ärztlicher Leiter:
Prof. Dr. med. Gerhard Schmid-Ott
Kontakt/Sekretariat:
Frau Verena Linnenkamp
Koblenzer Straße 1
D-32584 Löhne/Bad Oeynhausen
Telefon +49 (0) 5731-782752
Fax +49 (0) 5731-782777
E-Mail: info@ireha.de