Autorin: Meike Südmeier
M.Sc. Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin
Projektmitarbeiterin Berolina Klinik

Autor: Prof. Dr. Scott Gissendanner
Wissenschaftler im ärztlichen Dienst, Berolina Klinik

Autor: Kai Lorenz
Chefarzt Verhaltensmedizinische Orthopädische Rehabilitation (VOR), Berolina Klinik

Autorin: Prof. Dr. Beate Muschalla
Psychologische Psychotherapeutin

Technische Universität Braunschweig
Abteilung Klinische Psychologie,
Psychotherapie und Diagnostik

Feste oder offene Gruppen für Rehabilitation: Welche Form ist besser?

Ist die medizinische Rehabilitation wirkungsvoller, wenn man alle Therapien gemeinsam mit denselben Menschen in einer festen Gruppe absolviert – und dazu mit denselben zwei oder drei TherapieleiterInnen? Genau so ist nämlich die VOR-Rehabilitation normalerweise organisiert. Schon am ersten oder zweiten Tag lernt man die gesamte Gruppe sowie die TherapeutInnen kennen, mit denen man in den folgenden vier Wochen viel Zeit verbringt. Das hat Vorteile: Viele erleben Sport in einer stabilen, vertrauten Gruppe als angenehm und unterstützend. Die Teilnehmenden in VOR-Gruppen kommen oft eng in Kontakt, der für manche Gruppen auch nach der Reha bestehen bleibt.
Oder sind offene Gruppen doch genauso gut oder vielleicht sogar besser für den Reha-Erfolg als feste Gruppen? Offene Gruppen haben ebenfalls Vorteile: Man lernt mehr Menschen kennen, da die Teilnehmenden wechseln. Man erlebt auch mehr TherapeutInnen, weil diese in offenen Gruppen ebenfalls häufiger wechseln. Und „Gruppen-Senioren“, die in der Gruppe bereits ein oder zwei Wochen Erfahrung gesammelt haben, leisten oft praktische Unterstützung für Neue. Das sind sicher bedeutsame Vorteile.
Um die Frage zu beantworten, welche Gruppenform besser ist (und in welcher Hinsicht), führte die Berolina Klinik zwischen 2022 und 2023 eine bemerkenswerte Studie durch, in der wir die Erlebnisse von RehabilitandInnen und TherapeutInnen in beiden Gruppenformen direkt verglichen. Um einen wissenschaftlich sinnvollen, direkten Vergleich zwischen den beiden Gruppenformaten zu ermöglichen, hielten wir alle weiteren Aspekte der Reha konstant: die Indikationen der PatientInnen, die Therapieangebote, die Therapiedauer sowie das Durchschnittsalter und die Geschlechtermischung der Beteiligten.
Leiterin der Studie war Prof. Dr. Beate Muschalla, Institut für Psychologie der TU Braunschweig. Verantwortlich für die Umsetzung war Meike Südmeier, unterstützt durch Kai Lorenz, Chefarzt der VOR-Abteilung, und den wissenschaftlichen Mitarbeiter der Klinik, Prof. Dr. Scott Gissendanner. Die Studie wurde durch die Förderung der Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften Nordrhein-Westfalen (eine Kooperation der DRV Westfalen und der DRV Rheinland) ermöglicht. 2024 wurden der Abschlussbericht und Ergebnisse in Bezug auf Therapeutenerlebnisse veröffentlicht. Bald werden die Hauptergebnisse zur Veröffentlichung eingereicht und zudem laufen weitere Analysen der Bezüge zu Sportmotivation und Sporttätigkeit in Kooperation mit dem Fachbereich Physiotherapie der Hochschule Osnabrück. 
Insgesamt 378 RehabilitandInnen der Berolina Klinik gaben uns Antwort auf Fragen zum Reha-Erlebnis zu drei Zeitpunkten: am Reha-Beginn (1), kurz vor der Entlassung (2) und sechs Monate nach der Entlassung (3). Die Teilnahmequote von 89 % war für diese Art von Studie sehr gut. Wir sind unseren PatientInnen für ihre Teilnahme sehr dankbar. Das Ausfüllen von Studienfragebögen nimmt ja Zeit in Anspruch, doch leistete jede und jeder damit einen bedeutsamen wissenschaftlichen Beitrag zur Sicherung der Reha-Qualität.
Unter den Teilnehmenden erlebten 233 Personen die Reha in geschlossenen (festen) Gruppen, 145 Personen nahmen in offenen Gruppen teil. Die RehabilitandInnen in festen Gruppen wurden zu zwei Zeitpunkten befragt: eine Gruppe während der Corona-Zeit, die andere danach. So konnten wir auch den potenziellen Einfluss der Corona-Hygienemaßnahmen auf die Rehabilitationsergebnisse überprüfen. Zusätzlich führten wir Gespräche mit neun SporttherapeutInnen und sieben PsychologInnen über ihre Wahrnehmung der Unterschiede zwischen den Gruppenformen. Die Ergebnisse sind facettenreich und für die praktische Arbeit in der Klinik von Bedeutung.
Bei allen gemessenen Parametern des Reha-Erfolgs machte es keinen Unterschied, ob die Reha in festen oder offenen Gruppen durchgeführt wurde. Alle RehabilitandInnen verbesserten sich beispielsweise signifikant (p < .01, großer Effekt d = 1,42) hinsichtlich ihrer wahrgenommenen psychischen Belastung im Verlauf der Reha – unabhängig davon, ob sie in einer geschlossenen oder offenen Gruppe behandelt wurden. Ebenso verbesserten sich alle RehabilitandInnen signifikant in der subjektiven Arbeitsfähigkeit (p < .01, großer Effekt d = 1,01). Es spielte ebenfalls keine Rolle, ob die Behandlung während der Corona-Zeit oder danach erfolgte – beide Gruppen entwickelten sich ähnlich gut. Geschlossene und offene Therapiegruppen führten am Ende der Reha zu vergleichbaren Ergebnissen, auch in Bezug auf Alltagsbelastungen sowie psychische und körperliche Arbeitsanforderungen. Dasselbe gilt für den Vergleich der Reha während und nach der Corona-Pandemie.
Ein halbes Jahr nach der Reha nimmt die psychische Belastung tendenziell wieder etwas zu und die Einschätzung der globalen Arbeitsfähigkeit sinkt tendenziell leicht. Dies ist ein normaler Verlauf nach der Reha, der aus anderen Studien ebenfalls bekannt ist. Im Gegensatz dazu bleibt die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in Bezug auf psychische Arbeitsanforderungen ungefähr gleich. Bei allen gemessenen Aspekten des Reha-Erfolgs sind die Werte sechs Monate nach Reha-Ende immer noch besser als zu Beginn der Reha. Diese Ergebnisse sind unabhängig von der Gruppenform.

Andererseits:
TherapeutInnen erleben schon bedeutende Unterschiede 

Anhand der strukturierten Gespräche mit unseren Mitarbeitenden aus der Physiotherapie und dem psychologischen Dienst lassen sich allerdings doch unterschiedliche Wirkweisen der Gruppenformen erkennen. Im Zentrum ihrer Wahrnehmung steht die Frage der Gruppendynamik, das heißt, wie sich die Beziehungen in der Gruppe im Laufe der Zeit positiv oder negativ entwickeln. Die Schilderungen betreffen „weiche“ Themen wie Atmosphäre und Energie in den Gruppen, die zwar schwer quantifizierbar, aber für alle deutlich spürbar sind. Häufig genannt wurden besonders auffällige sowie besonders zurückhaltende PatientInnen. TherapeutInnen müssen je nach Gruppenform unterschiedlich auf diese Personen achten.
Besonders mitteilungsbedürftige oder dominante Teilnehmende können die Atmosphäre einer geschlossenen Gruppe eher stören, da sie jede einzelne Sitzung auf gleiche Weise beeinflussen. Wiederum kann die feste Gruppe ein „anstrengendes“ Gruppenmitglied positiv beeinflussen: „Die Gruppe zieht anstrengende PatientInnen mit, diese erfahren mehr Akzeptanz“, bemerkte ein Therapeut.
Zurückhaltende RehabilitandInnen werden in offenen Gruppen tendenziell eher weniger wahrgenommen, da diese sich bei jeder Sitzung der Herausforderung stellen müssen, sich auf eine neue Gruppenzusammensetzung einzustellen. Ebenso können sportlich Schwächere sich in Sportgruppen ausgeschlossen fühlen, da sie körperlich weniger leistungsfähig sind. In festen Gruppen erleben die SporttherapeutInnen oft, dass „leistungsschwächere PatientInnen besser aufgefangen und mitgezogen werden“; das gilt auch für Zurückhaltende. In offenen Gruppen übernimmt stattdessen häufiger der Therapeut/ die Therapeutin diese Aufgabe.
Solche unterschiedlichen Auswirkungen auf den Therapieerfolg jedes einzelnen Gruppenmitglieds haben erfahrene TherapeutInnen stets im Blick. Sie nutzen die verschiedenen Vorteile der Gruppenformate jeweils zum Vorteil der RehabilitandInnen, während sie die jeweiligen Nachteile ausgleichen. Dies könnte ein Grund sein, warum in unserer Beobachtung die Gruppenform allein keinen Unterschied für den Therapieerfolg machte.
Ausblick: Unsere nächsten Analysen konzentrieren sich auf die Verbindung zwischen Gruppenform und Sportmotivation
Es gibt eine „signifikante“ (statistisch bedeutsame) Beziehung zwischen der Gruppenform einerseits und dem Erleben der Therapiegruppe andererseits. RehabilitandInnen, die ihre Reha in festen Gruppen absolviert haben, berichten im Durchschnitt von einem leicht positiveren und angenehmeren Gruppenerlebnis, zum Beispiel in der Bejahung solcher Aussagen wie „Die Gruppenmitglieder akzeptierten einander“. Man kann die Auswirkungen von geschlossenen Gruppen in der VOR folgendermaßen verstehen: Stellen Sie sich vor, dass man dem Gruppenerlebnis sieben Sterne geben kann, wobei sieben Sterne ,perfekt‘ bedeuten. Unsere Studienteilnehmenden in festen VOR-Gruppen gaben dem Gruppenerlebnis im Durchschnitt knapp sechs Sterne. Die RehabilitandInnen in offenen Gruppen gaben knapp fünf Sterne. Das heißt, in festen Gruppen fühlte sich die Gruppe etwa 15 % näher an ‚perfekt‘. Wir fragen nun weiter: War dieser Effekt auch relevant für das Erlebnis von Sport und Bewegung in der Gruppe? Welche anderen Faktoren beeinflussten zudem das Gruppenerlebnis? Über unsere Erkenntnisse berichten wir im nächsten IREHA-Rundbrief!

 

Veröffentlichungen aus der VOR-Gruppen-Studie
Südmeier, M., Arnold, C., Muschalla, B., Lorenz, K., Gissendanner, S. & Sudeck, G. (2025). Subjektiver Reha-Erfolg und Bedeutung von Bewegung in der VOR-Behandlung in geschlossenen und offenen Therapiegruppen. Tagungsband des 33. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquiums. Berlin: DRV Bund, S. 60-63.
Südmeier, M., Gissendanner, S., Lorenz, K. & Muschalla, B. (2025). Experiences of Psychologists and Sport Therapists Conducting Open and Closed Therapy Groups. PPmP, 75 (01), 37-43.
Südmeier, M., Gissendanner, S., Lorenz, K. & Muschalla, B. (zurzeit in Begutachtung). Comparison of the effectiveness of behavioral orthopedic rehabilitation treatment with an open or closed group concept.
Südmeier, M. & Muschalla, B. (2024). On the differential effectiveness of open and closed psychotherapeutic groups: a systematic review. Am J Psychother, 77 (2), 55-70.
 
 

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