Autorin: Gabriele Jatzek-Windmann
Pflegedienstleitung, Berolina Klinik
Autorin: Melanie Schumann
Sozialdienstleitung, Berolina Klinik
Autorin: Kadrije Steinbach
Mitarbeiterin Sozialdienst
Autor: Prof. Dr. Scott Gissendanner
Wissenschaftler im ärztlichen Dienst, Berolina Klinik
Die Berolina Klinik hat 2023 ihre Teilnahme am Programm „Vereinbarkeit von Beruf & Pflege“ des Landes Nordrhein-Westfalen bekanntgegeben. Wir gehören damit zu den zahlreichen teilnehmenden Unternehmen, Behörden und Organisationen, die sich dafür einsetzen, die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und privater Pflegeverantwortung ihrer Beschäftigten durch nützliche betriebliche Unterstützungsangebote zu verbessern.
Kurz darauf setzte die Klinik eine für uns neue Maßnahme um. Drei Mitarbeiterinnen – die Autorinnen dieses Beitrags – haben sich zu „Pflegeguides“ fortgebildet. In einem zweitägigen Seminar des Landesprogramms erweiterten wir unsere Kenntnisse über die organisatorischen, körperlichen und psychischen Herausforderungen der Pflegearbeit und erlernten Strategien, wie diese klug bewältigt werden können. Seitdem engagieren wir uns als Ansprechpartnerinnen für alle KollegInnen mit aktueller oder potenzieller Pflegeverantwortung.
Wir Pflegeguides sind im Betrieb auf allen Wegen erreichbar – per Anruf, E-Mail, persönlicher Ansprache auf dem Flur oder nach Terminvereinbarung im Büro.
Wir werden regelmäßig angefragt und haben das Gefühl, dass unsere Unterstützung gebraucht und geschätzt wird. Wir erstellen schriftliche Informationen zu Pflegethemen und stellen sie als ‚Info-Box‘ im Intranet bereit. Durch die Fortbildung und unsere regelmäßige Beratungspraxis fühlen wir uns gut auf diese Aufgabe vorbereitet. Zudem vernetzen wir uns im Rahmen des Landesprogramms mit anderen Pflegeguides und arbeiten kontinuierlich daran, unser Wissen zu vertiefen.
Auch einige unserer PatientInnen erleben Belastungen aufgrund von Pflegeverantwortung. Da wir Pflegeguides im beruflichen Alltag engen Kontakt zu PatientInnen haben, beraten wir bei Bedarf selbstverständlich auch sie. Zwar können wir nicht die Tiefe einer Beratung im Pflegestützpunkt bieten, doch wird der Vortrag „Reha und Soziales“ vom Sozialdienst mit einem Überblick über Ressourcen für pflegende Angehörige ergänzt und es bleibt stets Raum für individuelle Fragen. Unsere Pflegedienstleiterin Gabriele Jatzek-Windmann unterstützt bei Fragen zur Pflege und gibt Anregungen. Bei pflegenden Angehörigen, die zusammen mit einem pflegebedürftigen Familienmitglied anreisen, führt sie ein Gespräch kurz nach Aufnahme und kurz vor Entlassung, um evtl. noch Möglichkeiten weiterer Hilfe und Unterstützung zu geben.
Die Pflegeguides der Berolina Klinik
Von links: Kadrije Steinbach, Melanie Schumann, Gabriele Jatzek-Windmann
Sorgen und praktische Herausforderungen rund um die Pflegearbeit sind Ausdruck einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung, da unsere Gesellschaft zunehmend altert. Diese Probleme anzunehmen ist eine bewusste Entscheidung der Berolina Klinik. Wir unterstützen Mitarbeitende und PatientInnen in dieser Lebenslage durch mehr Beratungsangebote, berufliche Flexibilität und individuelle Serviceleistungen.
Unsere Erfahrung als Pflegeguides zeigt, dass die Belastungen und Sorgen oft andere sind, als man zunächst vermuten würde:
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Das Durchschnittsalter unserer PatientInnen sank in den vergangenen Jahren von 60 Jahren im Jahr 2016 auf 56 Jahre im Jahr 2024. Neu ist, dass deutlich mehr sehr junge Menschen zu uns kommen – zusätzlich zu den bisher häufiger vorkommenden Altersgruppen. Dennoch liegt der Altersdurchschnitt weiterhin in der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen, die laut Nowossadeck et al. (2016) am häufigsten zu Hause eine pflegebedürftige Person betreuen.
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Zwei Situationen treten besonders häufig auf: Im Akutfall muss jemand sehr kurzfristig die Pflege eines unerwartet erkrankten Angehörigen übernehmen. Der zweite Fall entwickelt sich schleichend – zunächst besteht nur ein Unterstützungsbedarf, der sich allmählich zu einem Pflegebedarf ausweitet. In diesem Fall nähert man sich der Thematik langsamer.
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Pflege ist doppelt stigmatisiert: Manche Pflegebedürftige und Pflegende sprechen aus Scham oder Angst nicht über ihre Situation und schließen damit externe Hilfen aus. Daher ist es auch unsere Aufgabe als Pflegeguides, zum Teil mit Führungsverantwortung, aktiv auf betroffene KollegInnen zuzugehen und sie zu ermutigen, Unterstützung anzunehmen. Viele Betroffene haben z. B. unbegründete Hemmungen, eine Höherstufung des Pflegegrads zu beantragen, obwohl sie rechtlich Anspruch darauf hätten. In diesem Fall ermutigen wir, sich von einem Pflegestützpunkt beraten zu lassen.
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Für viele Pflegende kommt es überraschend, dass die Pflege der eigenen Eltern oft deutlich schwieriger ist als die Betreuung z. B. der eigenen Kleinkinder. Während Kinder in der Regel den Anweisungen der Eltern folgen müssen, lassen sich Eltern aus verschiedenen Gründen häufig nicht oder nur widerwillig pflegen. Neben der eigentlichen Pflegearbeit kommen also die Aufgaben des Verhandelns, des gegenseitigen Verstehens, des Überzeugens und des Motivierens hinzu.
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Allen Pflegenden steht unsere neu eingerichtete psychotherapeutische Gruppe für pflegende Angehörige offen. Hier werden die für die Teilnehmenden wichtigen psychosozialen Belastungen angesprochen, wie z. B. der Tausch der Rollen, schwierige Gefühle oder der Rückzug des sozialen Umfeldes. Der Austausch mit anderen – sei es in dieser Gruppe oder in Selbsthilfegruppen zu Hause – kann eine entlastende und therapeutische Wirkung entfalten.
Literatur
Nowossadeck, S., Engstler, H. & Klaus, D. (2016). Pflege und Unterstützung durch Angehörige. (Report Altersdaten, 1/2016). Berlin: Deutsches Zentrum für Altersfragen.
Adresse/Ansprechpartner:
IREHA – Institut für Innovative Rehabilitation
Ärztlicher Leiter:
Prof. Dr. med. Gerhard Schmid-Ott
Kontakt/Sekretariat:
Frau Verena Linnenkamp
Koblenzer Straße 1
D-32584 Löhne/Bad Oeynhausen
Telefon +49 (0) 5731-782752
Fax +49 (0) 5731-782777
E-Mail: info@ireha.de