Das eigene Schrittmaß finden. Krankheitsverarbeitung ist individuell
Autorin: Dr. med. Elisabeth Petrow, Berolina Klinik
Vor mehr als 25 Jahren katapultierte mich eine schwere Erkrankung aus meiner Tätigkeit als Ärztin hinein in ein mir vollkommen fremdes Gebiet: die Krankheitsverarbeitung. Zunächst aus eigener Not, später durch Weiterbildungen zur Spezialistin auf diesem Gebiet geworden, gebe ich seit zweieinhalb Jahren in der Berolina-Klinik meine Kenntnisse und Erfahrungen an die PatientInnen weiter. Der Austausch mit ihnen ist für mich spannend und lehrreich, denn jede Krankheitsverarbeitung ist anders. Manche Punkte treten jedoch regelmäßig auf, und um einige davon soll es hier gehen.
Auf dem Weg der Krankheitsverarbeitung die Schrittlänge beachten
Die meisten PatientInnen haben den Wunsch, auf ihrem Genesungsweg so schnell wie möglich so weit wie möglich nach vorn zu kommen. Das ist verständlich und trotzdem nicht immer sinnvoll.
Ist die Schrittlänge zu groß gewählt, können daraus Überforderung und Angst resultieren. Ist sie aus Vorsicht dagegen zu klein, unterfordert man sich womöglich und wird sich und den eigenen Fähigkeiten nicht gerecht. Die Schrittlänge muss also immer wieder der konkreten Situation angepasst werden. Das kann schmerzhaft sein, verweist es doch auf die gesundheitlichen Einschränkungen: Man braucht andere Bedingungen als gesunde Menschen und muss auf deren Einhaltung achten. Wichtig ist, sich den daraus resultierenden Schmerz oder die Traurigkeit zuzugestehen, aber nicht darin zu verharren. Ja, es tut weh, dass man auf seine Einschränkungen Rücksicht nehmen muss. Und trotzdem ist es schön, dass man etwa einer Hochzeit oder einem Fußballspiel dabei sein kann.
Die Schrittlänge zu beachten gilt auch bei den inneren Veränderungen. Einer der häufigsten Wünsche, die in meiner Gruppe geäußert werden, ist jener, sich selbst lieben zu lernen – und fast immer ist es mit dem Nachsatz verbunden „Aber das ist so schwer, das kann ich nicht.“ Die Schrittlänge auf das anzupassen, was möglich ist, hieße in diesem Fall vielleicht zu sagen „Ich will zunächst lernen, mich zu mögen.“ Wenn auch das Mögen schon schwerfällt, dann muss die Schrittlänge noch kleiner sein: „Ich will lernen, mich ganz okay zu finden.“ Oder noch kleiner „Ich will mit mir da sein können, ohne mich zu beschimpfen oder abzuwerten.“ Sich selbst in Bezug auf die Schrittlänge gerecht zu werden heißt, sowohl die gesundheitlichen Einschränkungen oder emotionalen Herausforderungen als auch die Lebendigkeit, die Schönheit und das Kraftvolle in den Blick zu nehmen, das trotz der aktuell belastenden Situation da ist.
Die Beziehung zu sich selbst
Ein Aspekt dieser Beziehung ist die Art und Weise, wie man mit sich selbst redet. In meiner Gruppe berichtete dazu eine Patientin, dass sie sehr schusselig sei und ständig irgendetwas verlege oder verliere. Dann würde sie so böse mit sich selbst schimpfen, dass ihre Tochter sie frage „Sag mal, Mama, merkst du eigentlich noch, wie du mit dir redest?“. Darauf antwortete eine andere Patientin: „Ich bin genauso schusselig wie du und früher habe ich mich auch immer beschimpft. Aber irgendwann fand ich das blöd, so mit mir zu reden. Wenn ich heute etwas verlegt habe, dann sage ich zu mir ‚Komm, ich helf’ dir suchen. Wo hast du es zuletzt gesehen?’“ Mich hat diese Selbsthilfe in zweierlei Hinsicht gerührt: Erstens würde man so einer Freundin begegnen, wenn diese etwas verlegt hätte; man würde die Freundin nicht beschimpfen. Und zweitens verdeutlicht dieses Beispiel, dass auch bei der Art und Weise, wie man mit sich selbst umgeht – hier: wie man mit sich redet – die Schrittlänge eine große Rolle spielt. Statt sich vorzunehmen „ab heute bin ich immer freundlich mit mir“, entscheidet man sich zunächst nur dafür, nicht mehr mit sich zu schimpfen, wenn man etwas verlegt hat.
Tief verwurzelte Glaubenssätze aufspüren, zulassen und – vielleicht – verändern
Vor einigen Wochen erzählte eine Patientin in der Gruppe, wie erschöpft sie bereits von alltäglichen Anforderungen sei und wie sehr sie sich danach sehne, wieder zu Kräften zu kommen. Dann sagte sie den Satz „Aber ich muss mich immer zusammenreißen, ich muss immer perfekt sein.“ Mich überraschte dabei vor allem die unbeirrbare Bestimmtheit, mit der diese Aussage getroffen wurde. Auf meine vorsichtige Nachfrage, was sie befürchte, wenn sie einen Fehler mache oder etwas unerledigt lasse, antwortete sie „Das geht nicht. Ich muss immer perfekt sein, das ist so.“ Ihr Satz wirkte wie in Stein gemeißelt – hart und unveränderbar – und doch mit einem hohen Leidensdruck verbunden.
Glaubenssätze wie diese haben oft tiefe Wurzeln in der eigenen Biographie. Es braucht Mut und Entschlossenheit, sie zu hinterfragen. Besonders dann, wenn sie mit der Überzeugung verbunden sind „Das ist so.“ Oder mehr noch: „Ich bin so.“ Denn wer oder was bin ich, wenn ich diese Überzeugung antaste? Doch „Mensch sein heißt ja niemals, nun einmal so und nicht anders sein müssen, Mensch sein heißt immer, immer auch anders werden können.“ (Viktor Frankl). Dieses Immer-auch-anders-werden-können beginnt mit dem Mut zu einer Entscheidung und setzt sich als Aufgabe fort, über einen langen Zeitraum das Neue geduldig, kleinteilig und konsequent zu üben.