Autor:
Prof. Dr. Scott Gissendanner

Wissenschaftler im ärztlichen Dienst und Nachhaltigkeitsbeauftragter der Berolina Klinik

Autor:
Kai Lorenz
Chefarzt Orthopädie und Verhaltensmedizinische Orthopädische Rehabilitation (VOR), Berolina Klinik

Bewegung als Medizin in der verhaltensmedizinischen Orthopädie: Ein Forschungsbericht

Wer wegen chronischer Rückenschmerzen oder anderer orthopädischer Beschwerden in die VOR Abteilung der Berolina Klinik kommt, erlebt vier Wochen sportlicher Bewegung, psychotherapeutischer und physiotherapeutischer Unterstützung sowie Aufklärung zu wichtigen Themen wie Stressbewältigung. Diese Kombination im Behandlungsansatz ist wissenschaftlich fundiert. Die körperliche Aktivität gehört zu den am besten belegten nicht-medikamentösen Maßnahmen bei einer Reihe chronischer Schmerzzustände; sie lindert die Schmerzintensität und verbessert die Körperfunktion wie auch psychische Funktion und Lebensqualität (Geneen et al. 2017). Hinzu kommt, dass chronische Schmerzen häufig mit psychischen Belastungen wie Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder Angst einhergehen. Die VOR-Rehabilitation der Berolina Klinik verbindet deshalb ein intensives Bewegungsprogramm mit psychotherapeutischen und anderen Elementen zu einem Gesamtkonzept, das zumindest kurzfristig nachweislich (Südmeier et al. 2024) gesundheitliche Verbesserungen bringt.
Doch was passiert nach der Entlassung, wenn man wieder zu Hause den Alltag bewältigen muss? Treiben RehabilitandInnen Monate nach der Reha noch Sport? Und wenn ja, was hat dazu beigetragen und können wir daraus lernen, um die Behandlung noch besser zu machen?
Genau diesen Fragen hat sich Magali Jahn in ihrer Abschlussarbeit an der Hochschule Osnabrück gewidmet. Sie wertete die Daten einer früher abgeschlossenen Studie der Berolina Klinik mit 314 Teilnehmenden (Südmeier et al. 2024) erneut aus. Ziel war, in den großen Datenmengen nach Zusammenhängen zu suchen, die vorhersagen, ob jemand nach der Reha sportlich aktiv bleibt. Die Ergebnisse wurden im März 2026 auf dem 35. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium in Leipzig vorgestellt (Jahn et al. 2026).
Zwei Befunde sind wenig überraschend, aber dennoch wichtig. Erstens, wer zu Reha-Beginn bereits viel Sport getrieben hat, steigert seine Aktivität danach seltener weiter. Wer schon viel tut, hat schlicht weniger Spielraum nach oben. Zweitens, Raucherinnen und Raucher zeigten ebenfalls eine geringere Steigerung der Sportaktivität nach der Reha. Der interessanteste Befund ist jedoch ein anderer.
Wer während der Reha ein stärkeres Gefühl der sogenannten volitionalen Selbstkontrolle für sportliche Aktivitäten entwickelte, trieb sechs Monate nach der Entlassung deutlich mehr Sport. Was bedeutet das? Volitionale Selbstkontrolle beschreibt die Fähigkeit, einen gefassten Vorsatz auch tatsächlich umzusetzen. Daranbleiben, auch dann, wenn es schwierig wird. In der Studie wurde sie mit drei konkreten Aussagen gemessen, denen die Teilnehmenden zustimmen oder widersprechen konnten: 

 

  • „Wenn ich eine sportliche Aktivität geplant habe, setze ich das in der Regel auch um.“
  • „Ich behalte mein Vorhaben, mich zu bewegen, im Auge und lasse mich nicht leicht davon abbringen.“
  • „Wenn ich mir vornehme, mich mehr bewegen zu wollen, habe ich viel Disziplin bei der Umsetzung.“
 
Es geht also nicht darum, ob jemand Sport möchte oder will. Diese „Motivation“ allein reicht offenbar nicht. Entscheidend ist, ob jemand in der Lage ist, Sport und Bewegung zu planen und den Plan auch gegen Widerstände durchzuhalten.
Dieser Befund steht nicht allein. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Tübingen und Erlangen-Nürnberg hatten bereits 2016 in großen, unabhängigen Stichproben gezeigt, dass volitionale Selbstkontrolle der stärkste Einzelfaktor ihres Erklärungsmodells für nachhaltige Sportgewohnheiten ist. Sie war stärker als sportbezogenes Wissen und stärker als Sportmotivation. Dass dieser Befund sich nun auch in einer VOR-Rehabilitation bestätigt, ist wissenschaftlich bedeutsam. Er überträgt einen gut gesicherten Befund aus der allgemeinen Sportforschung erstmals in den Kontext der medizinischen Rehabilitation.
 
Was bedeutet das für unseren Behandlungsansatz in der Berolina Klinik?
Wenn volitionale Selbstkontrolle während der Reha wachsen kann und dieses Wachstum mit mehr Sport danach zusammenhängt, dann lohnt es sich zu fragen: Welche Angebote in der Reha fördern genau dieses Erleben von Selbstkontrolle? Oder anders gefragt: Wie gestalten wir als Klinik die vier VOR-Wochen als einen Raum und eine Zeit, in der unsere Patientinnen und Patienten sich selbst anders und gesünder erleben können? Damit meinen wir nicht ein einzelnes „Erlebnis“ von etwas, das beeindruckt und vergeht, sondern ein wiederholtes Erleben eines für chronisch kranke Menschen vielleicht ungewöhnlichen Zustands: Ich kann das. Ich halte durch. Mein Körper trägt mich. Hier in der Klinik, frei von beruflichen und anderen Belastungen, sollen unsere RehabilitandInnen genau das erfahren — nicht durch Therapie, die an ihnen vollzogen wird, sondern durch Strukturen und Anleitungen, die ihnen Raum und Zeit geben, sich selbst neu zu begegnen. Lässt sich das noch gezielter machen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt unserer täglichen Arbeit.

 

Literatur

Geneen LJ, Moore RA, Clarke C, Martin D, Colvin LA, Smith BH. (2017). Physical activity and exercise for chronic pain in adults: an overview of Cochrane Reviews. Cochrane Database of Systematic Reviews, 4, Art. No.: CD011279. DOI: 10.1002/14651858.CD011279.pub3.

Jahn, M.L., Südmeier, M., Ballenberger, N., Lorenz, K., Gissendanner, S., Sudeck, G., Möller, D. & Muschalla, B. (2026). Prädiktoren einer erhöhten sportlichen Aktivität nach einer verhaltensmedizinisch-orientierten orthopädischen Rehabilitation (VOR). Eine explorative Sekundäranalyse. Tagungsband des 35. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquiums. Leipzig: DRV Bund.

Sudeck, G. & Pfeifer, K. (2016). Physical activity-related health competence as an integrative objective in exercise therapy and health sports – conception and validation of a short questionnaire. Sportwissenschaft, 46, 74-87.

Südmeier, M., Muschalla, B., Lorenz, K., Gissendanner, S., Arnold, C. & Li, Y. (2024). Abschlussbericht zum Forschungsprojekt „Gruppentherapien in verhaltensmedizinischen Rehabilitationsbehandlungen: Wie unterscheiden sich geschlossene Gruppen und offene Gruppen in ihrer Wirkung?“. TU-Braunschweig.

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