Autorin: Prof. Dr. Beate Muschalla
Psychologische Psychotherapeutin, Technische Universität Braunschweig, Institut für Psychologie

Autor: Kai Lorenz
Chefarzt VOR Berolina Klinik

Autor: Herr Prof. Dr. Scott Stock Gissendanner
Wissenschaftler im Ärztlichen Dienst Berolina Klinik

Sind geschlossene oder offene Gruppen besser für die medizinische Rehabilitation?

Eine Diskussion des Posterbeitrags für das 30. Rehabilitationswissenschaftliche Kolloquium der Deutschen Rentenversicherung Bund vom 23. bis zum 26. März 2021, Muschalla B, Lorenz K, Stock Gissendanner S. (Wie) unterscheiden sich geschlossene Gruppen und offene Gruppen in der medizinischen Rehabilitation in ihrer therapeutischen Wirkung?
Die Behandlung in der Gruppe ist ein besonderes Merkmal der psychosomatischen und verhaltensmedizinisch orientierten medizinischen Rehabilitation. Weil sie - aus unterschiedlichen Gründen - außerhalb der Reha seltener angeboten wird, stellt sie zudem einen wichtigen Unterschied zwischen beiden Versorgungsformen dar. Obwohl viele Patient*innen womöglich eine Einzeltherapie bevorzugen würden, wenn sie noch keine Erfahrung mit Gruppentherapie gemacht haben, erleben die meisten Rehabilitand*innen die Gruppentherapie in der Regel doch als sehr angenehm, hilfreich und effektiv, wenn sie erst einmal eine Therapiegruppe erlebt haben.
Die Forschung zeigt Vorteile von Gruppentherapien auf. Mögliche positive Effekte der Gruppentherapie sind die Förderung von Optimismus bezüglich der Therapiewirksamkeit, das Entstehen eines Zusammengehörigkeitsgefühls (Kohäsion) in der Gruppe, das Entgegentreten von Gefühlen der sozialen Isolation, die Schaffung einer Offenheit für die Perspektiven anderer Menschen sowie die Verstärkung von Vertrauen [1, 2].
Gruppentherapie kann in verschiedenen Formen durchgeführt werden. Geschlossene Gruppen bestehen aus einer festen Gruppe, in der mehrere Einzelpersonen gleichzeitig mit der Therapie beginnen. Es können keine weiteren Gruppenmitglieder in die Therapie aufgenommen werden, auch wenn Gruppenmitglieder ausscheiden und ihre Plätze frei werden. Offene Gruppen können von allen geeigneten Patient*innen besucht werden. Während der Therapie können neue Gruppenmitglieder hinzukommen und Gruppenmitglieder können ausscheiden. Die Gruppengröße und -zusammensetzung variiert daher.
Die geschlossene Gruppenform genießt in der Reha-Praxis eine höhere Akzeptanz und es werden vorteilhaftere therapeutische Effekte angenommen als für offene Gruppen [3]. Es gibt jedoch keine wissenschaftlichen Belege für eine Überlegenheit geschlossener Gruppen. Die geschlossene Gruppenform ist schwieriger zu organisieren und in manchen Situationen unwirtschaftlich. Auch für offene Gruppen können Vorteile angenommen werden, z. B. die stärkere Förderung realitätsbezogener, psychotherapeutisch wirksamer Außenaktivitäten der Gruppenmitglieder.
Die Strukturmerkmale von geschlossenen Gruppen wurden in den Jahren 2016 und 2018 von 200 Patient*innen aus der Abteilung verhaltensorientierte orthopädische Rehabilitation der Berolina Klinik in einer informellen Befragung sehr positiv bewertet [4]. Die Frage, ob geschlossene Gruppen die Vertiefung von zwischenmenschlichen Beziehungen unter den Teilnehmenden im Vergleich zu offenen Gruppen besser fördern, wurde von über 90 % der Befragten bejaht. Das eingetretene Gemeinschaftsgefühl in den geschlossenen Gruppen sahen die Rehabilitand*innen als förderlich für die Sporttherapie und, weniger stark ausgeprägt, auch für die Psychotherapie. Gruppentherapie wirkt nicht für alle gleich und wird nicht von allen gleich enthusiastisch akzeptiert, insgesamt jedoch genießt sie eine hohe Akzeptanz gerade unter denjenigen, die sie gut kennen.
Unser Resümee: Es kann nicht festgestellt werden, dass geschlossene Gruppen vorteilhafter sind, es fehlen empirische Befunde. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die beiden Gruppentypen im Hinblick auf unterschiedliche Outcomes unterschiedlich gut wirksam sind.
In unserem Posterbeitrag „(Wie) unterscheiden sich geschlossene Gruppen und offene Gruppen in der medizinischen Rehabilitation in ihrer therapeutischen Wirkung?“ (präsentiert während des digital durchgeführten 30. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquiums der Deutschen Rentenversicherung Bund vom 23. bis zum 26. März 2021) erläuterten wir den konkreten Forschungsbedarf zu der Frage, ob sich konkrete therapeutische Vorteile von geschlossenen Gruppen im Vergleich mit offenen Gruppen empirisch erkennen lassen. Wir haben unter Einbeziehung der internationalen Datenbanken ein Literatur-Review zu Vergleichen von geschlossenen und offenen Gruppentherapien durchgeführt. Es gibt überraschend wenige Studien zu diesem wichtigen Thema und es gibt keinen Konsens darüber, welche Gruppenform besser sei.
Wir erwarten nicht, dass eine Therapieform unter allen Umständen und für alle Zwecke der anderen Form überlegen ist. Vielmehr sehen wir den Bedarf zu wissen, für welche therapeutischen Ziele welche Therapieform am besten geeignet ist. In Zukunft sollten empirische Untersuchungen daher folgenden Fragen nachgehen:
1.    Welche Gruppeneffekte im Allgemeinen sind für die Realisierung von Reha-Zielen in der psychosomatischen und VOR-Reha besonders vorteilhaft?
2.    (Wie) variieren diese nach Therapieform (offene oder geschlossene Gruppe)?
3.    Welche unterschiedlichen Nebenwirkungen treten in offenen und geschlossenen Gruppen auf?
 
Literatur
[1] Caspar, F. (2016). Gruppentherapie. In: Petermann, F., Gründer, G., Wirtz, M. A., Strohmeier, J. (Hrsg.). Dorsch - Lexikon der Psychotherapie und Psychopharmakotherapie. Göttingen: Hogrefe, S. 369.
[2] Yalom, I. (2016). Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie. Ein Lehrbuch. Stuttgart: Klett-Cotta.
[3] Tschuschke, V. (2001). Geschlossene versus offene Gruppen. In: Tschuschke, V. (Hrsg.). Praxis der Gruppenpsychotherapie. Stuttgart: Thieme, S. 202-205.
[4] Lorenz, K., Manhart, A.-K., König, H. & Stock Gissendanner, S. (2019). Verhaltensmedizinisch orientierte orthopädische Rehabilitation in der Praxis. Praxis Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation, 105, S. 19-31.

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