Autorin: Dr. med. Bärbel Kossmann
Ärztliche Leiterin Werksarztzentrum Herford

Autor: Prof. Dr. Scott Stock Gissendanner (apl.)
Wissenschaftler im ärztlichen Dienst, Berolina Klinik

Prävention vor Rehabilitation - Teil III: Die Zukunft der Prävention psychischer und psychosomatischer Erkrankungen im betrieblichen Umfeld in Kooperation mit der medizinischen Rehabilitation.

Ein Gespräch mit Frau Dr. med. Bärbel Kossmann.
Der Rundbriefbeitrag aus dem November 2019 „Prävention vor Rehabilitation“ war der erste einer Reihe zum Thema betriebliche Maßnahmen zur Vorbeugung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen. In diesem ersten Teil hatten wir darüber berichtet, wie die Anstrengungen und Fördermaßnahmen zur Prävention psychischer Erkrankungen berufstätiger Menschen verstärkt wurden. Wir haben uns das Ziel gesetzt, mit Praktikern aus verschiedenen Bereichen der betrieblichen Prävention über die Umsetzung neuer Präventionsmaßnahmen zu sprechen.
In der letzten Ausgabe des IREHA-Rundbriefs veröffentlichten wir ein Interview mit Herrn Dr. med. Dieter Olbrich, ärztlicher Leiter der GUSI®-Akademie und Vorreiter bei der Entwicklung von psychosomatisch orientierten Präventionsangeboten für die betriebliche Gesundheitsförderung.
Für diese Ausgabe haben wir mit Frau Dr. med. Bärbel Kossmann gesprochen. Frau Dr. Kossmann ist Fachärztin für Arbeitsmedizin mit über 30 Jahren Erfahrung in der Betriebsmedizin. Sie ist Ausbilderin und Prüferin für Arbeitsmedizin bei der Ärztekammer. Außerdem ist Frau Dr. Kossmann ärztliche Leiterin des Werksarztzentrums Herford, das mit seinen aktuell 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Betriebe mit 10 bis 2000 Beschäftigten in der Region Ostwestfalen-Lippe arbeitsmedizinisch betreut.
Das Gespräch fand am 19. November 2020 statt und wurde durch Herrn Prof. Stock Gissendanner, Mitglied des IREHA-Rundbrief-Redaktionsteams, geführt. An der Textgestaltung hat Frau Dr. Kossmann als Koautorin mitgewirkt.
Prof. Dr. Stock Gissendanner: Wie beurteilen Sie den aktuellen Status quo der Prävention psychischer Erkrankungen in den Betrieben unserer Region?
Frau Dr. med. Bärbel Kossmann: Der Status quo fällt in den Betrieben unterschiedlich aus und hängt von betriebsspezifischen Faktoren ab. Man kann aber generell schon sagen, dass kleine und mittelständige Betriebe auf diesem Feld weniger aktiv sind als größere Betriebe und Aufschub benötigen. Viele größere Firmen bieten schon gute Maßnahmen an. Ihre Tätigkeiten entstammen oft einem Prozess der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Wenn dieser Prozess gut durchgeführt wird, wird häufig externe Fachkompetenz eingeholt, eine Befragung der Mitarbeitenden zu den Ursachen psychischer Belastungen durchgeführt, die Ergebnisse in Workshops besprochen und die dort entwickelten Präventionsmaßnahmen konsequent umgesetzt.
Ein Teil der Prävention psychischer Erkrankungen in den Betrieben hängt auch vom Grad der Integration des Betriebsarztes in den Betrieb und vom Grad des Vertrauens der Mitarbeitenden zu diesem Thema ab. Rückblickend nehme ich über alle Betriebe hinweg die Tendenz einer immer engeren Kopplung zwischen Betrieb und Betriebsarzt wahr. Am Anfang meiner Tätigkeit agierten wir Betriebsärzte in der Regel als Außenseiter. Später wurden wir als Beratende zum Thema Ergonomie mehr in Entscheidungsprozesse einbezogen. Durch die Einrichtung von Sprechstunden, wie sie in zahlreichen Betrieben jetzt viel häufiger vorkommen, bekamen wir die Möglichkeit, die Mitarbeiter durch wiederholte Kontakte besser kennenzulernen, und sie uns, sodass ein entsprechendes Vertrauensverhältnis entstehen konnte. Parallel dazu geben uns die arbeitsmedizinischen Vorsorgen Anlass, im Bereich psychische Gesundheit präventiv zu handeln. Manchmal schüttet uns ein Mitarbeiter im Rahmen einer solchen Untersuchung das Herz aus, und wir kommen ins Gespräch über seine psychischen Belastungen und was man dagegen unternehmen sollte und kann.
Stock Gissendanner: Was muss aus Ihrer Sicht stattfinden, damit die Prävention psychischer Erkrankungen im beruflichen Umfeld besser greift?
Kossmann: Wir müssen besser miteinander kommunizieren. Kommunikation über psychische Belastungen und psychische Erkrankungen sollte zwischen Geschäftsführung, Betriebsrat, Personalabteilung, mittleren Führungskräften, Mitarbeitern und den eigenen oder externen Betriebsärzten besser laufen. Leider stelle ich immer wieder fest, wie die Angst vor Stigmatisierung die Kommunikation über psychische Erkrankungen blockiert. Die Vorurteile sind aus meiner Sicht noch unglaublich groß. Jemand, der sich mit seiner psychischen oder psychosomatischen Erkrankung "outet", hat es oft schwer, Verständnis und Unterstützung zu finden. Er benötigt unbedingt eine besonders starke Führungskraft, die hinter ihm steht.
Zudem tun sich viele Führungskräfte schwer, mit dem Problem einer psychischen Erkrankung umzugehen bzw. sie wissen nicht, wie damit umzugehen ist. Zu empfehlen sind Schulungen für Führungskräfte wie z.B. zu "emotionaler Intelligenz" um die Fähigkeit zu erlernen eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und ggf. auch zu beeinflussen oder "gesundem Arbeiten", in denen der gesundheitserhaltende Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitern thematisiert wird.
Ich bin insgesamt zuversichtlich, dass die Stigmatisierung und das Unbehagen im Umgang mit psychischem Stress künftig geringer werden, weil sich gerade ein Generationenwechsel vollzieht. Jüngere Führungskräfte gehen ganz anders mit dem Thema um: Sie nehmen die Gefahr psychischer Erkrankungen ernst und sind bereit, Hilfsangebote von außen - wie zum Beispiel GUSI®  - anzunehmen. Mittlere Führungskräfte sind zudem sehr erleichtert, wenn sie ihren psychisch besonders belasteten Mitarbeitern konkrete Unterstützungsangebote an die Hand geben können.
Stock Gissendanner: Welche betrieblichen Präventionsmaßnahmen sind Ihrer Erfahrung nach effektiv?
Kossmann: Meiner Erfahrung nach funktionieren die Prozesse der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen meist gut, wenn sie wie eben beschrieben durchgeführt werden. Wichtig dabei ist, dass die Führungskräfte ehrlich daran interessiert sind, Ursachen psychischer Überbeanspruchung in Zusammenarbeit mit ihren Mitarbeitern zu benennen und entsprechende Präventionsmaßnahmen zu finanzieren. Klar, manche psychischen Belastungen im Betrieb lassen sich nicht kurzfristig verringern. Manchmal muss ein Betrieb eben auch sagen: „Jetzt gibt es keine Lösung." Aber meiner Erfahrung nach herrscht ein gesünderes Klima im Betrieb, wenn ein Problem erstmal benannt und erkannt wird, vorausgesetzt, dass die Betriebsleitung in anderen Bereichen nicht untätig bleibt. Da fühlen sich die Mitarbeitenden wahrgenommen und finden das Problem oft nicht mehr so tragisch.
Stock Gissendanner: Gibt es den Bedarf besserer Zusammenarbeit zwischen psychosomatischer Rehabilitation und der betriebsärztlichen Versorgung?
Kossmann: Auf jeden Fall gibt es diesen Bedarf. Wir sind froh über Angebote der Reha-Kliniken wie GUSI®.1 Gleichwohl wäre es für uns Betriebsärzte schön, wenn wir auch mal im Bereich Rehabilitation geschult würden. Wie werden Patienten in der psychosomatischen Rehabilitation behandelt, welche Entwicklungen gibt es und wie nehmen die Kliniken die berufsbedingten Bedarfe ihrer Rehabilitanden wahr? Wenn Rehabilitanden in die Betriebe zurückkommen, welche Art von Betreuung, Nachsorge oder auch Weiterbehandlung benötigen sie aus Sicht der Rehabilitation? Ich würde zum Beispiel einen runden Tisch mit Betriebsmedizinern, Rehabilitationsmedizinern und Hausärzten begrüßen, an dem wir uns zu diesen Themen austauschen und unsere Beobachtungen den Rehabilitationskliniken mitteilen könnten.
Stock Gissendanner: Zum Schluss noch eine zusammenfassende Frage. Wie würden Sie diesen Satz zu Ende formulieren: „Die berufsorientierte Prävention psychischer Erkrankungen funktioniert besser, wenn..."?
Kossmann: Wenn alle Betriebe die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen umsetzen würden. Wenn ein Betrieb sie richtig und ehrlich angeht und die dadurch entstehenden Maßnahmen benennt und umgesetzt würde, dann hätte das viele positive Auswirkungen.

Ihr Kontakt zu IREHA

 
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IREHA – Institut für Innovative Rehabilitation
 
Ärztlicher Leiter:
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Kontakt/Sekretariat:
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