Autor: Prof. Dr. med. Gerhard Schmid-Ott
wissenschaftlicher Berater Berolina Klinik

Autor: Herr Prof. Dr. Scott Stock Gissendanner
Wissenschaftler im Ärztlichen Dienst Berolina Klinik

Aktuelle deutsche S3-Leitlinie Angststörungen zum ersten Mal mit der Option Online-Interventionen initial und als Add-on

Ungefähr 14 % der deutschen Erwachsenen (12 Millionen Menschen) leiden an behandlungsbedürftigen Angststörungen, darunter deutlich mehr Frauen als Männer [1]. Angststörungen zählen somit zu den allerhäufigsten psychischen Krankheiten. Trotz ihres häufigen Vorkommens werden Angststörungen, so wird geschätzt, in knapp 50 % der Fälle nicht adäquat therapiert bzw. gar nicht erst erkannt. Die neue S3-Leitlinie zu Angststörungen [2] stellt das Resultat einer sechsjährigen Kooperation von insgesamt 29 Fachgesellschaften und Organisationen dar wie u. a. der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM), der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), der Gesellschaft für Angstforschung (GAF), der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG SHG) sowie weiterer Fachgesellschaften, Patient*innenvertretungen und Selbsthilfeorganisationen. Auf ihre Evidenz geprüfte wissenschaftliche Untersuchungen sind die Basis der in dieser deutschen S3-Leitlinie empfohlenen diagnostischen und therapeutischen Empfehlungen für Patient*innen mit Angststörungen in Form einer Panikstörung bzw. Agoraphobie, einer Angststörung, einer sozialen Phobie bzw. einer spezifischen Phobie (vgl. Tab. 1 in der Bildergalerie). Diese Leitlinie liegt auch in einer Kurzform vor [3]. 
Primär wird in Bezug auf eine Psychotherapie bei allen Formen von Angststörungen eine kognitive Verhaltenstherapie empfohlen. In den letzten Jahren wurden jedoch auch Untersuchungen veröffentlicht, welche für eine Effektivität psychodynamischer Therapien auch bei der Panikstörung bzw. der Agoraphobie, der generalisierten Angststörung bzw. der sozialen Phobie sprechen. Deshalb besteht nach der S3-Leitlinie die Indikation für eine psychodynamische Psychotherapie in den Fällen, wenn sich eine kognitive Verhaltenstherapie nicht als wirksam erwiesen hat, nicht verfügbar ist oder falls eine diesbezügliche Präferenz der/des informierten Patient*in besteht. 
Eine Empfehlung zur Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe wird bei allen Formen von Angststörungen außer einer spezifischen Phobie ausgesprochen. Eine KVT-basierte Internetintervention kann bei einer Panikstörung bzw. einer Agoraphobie oder einer generalisierten Angststörung zur Überbrückung bis zum Therapiebeginn oder als therapiebegleitende Maßnahme, eine KVT-basierte Internetintervention i. S. einer Anleitung zur Selbsthilfe, aber nicht als alleinige Behandlungsmaßnahme angeboten werden, Sport lediglich bei einer Panikstörung bzw. einer Agoraphobie.
Patient*innen mit einer sozialen bzw. einer spezifischen Phobie kann bzw. soll eine Virtuelle-Realität-Expositionstherapie angeboten werden, bei ersteren als Begleitung einer Standardpsychotherapie, jedoch nicht als alleinige Behandlungsmaßnahme, und bei letzteren beim Vorliegen einer Spinnen-, Höhen- oder Flugphobie, falls eine in-vivo-Exposition nicht verfügbar oder möglich ist.
Auf das Thema stationäre psychosomatische Rehabilitation von Patient*innen mit Angststörungen wird in der Langversion [2] eingegangen. Beutel et al. [4] fanden z. B. (ohne Einbeziehung unbehandelter Kontrollgruppen) Prä-Post-Effektstärken zwischen 0,78 (Selbsteinschätzung) und 1,97 (Fremdbeurteilung) in diesem Kontext. Die angemessene Darstellung des komplexen Outcome psychosomatischer Rehabilitationsmaßnahmen von Patient*innen mit Angststörungen ist jedoch immer noch u. a. vor dem Hintergrund der dortigen interdisziplinären sowie multimethodalen Diagnostik bzw. Behandlungsmethoden eine nur sehr aufwendig zu lösende Aufgabe [5], die mehr beinhaltet als die Symptomatik. Das zeigt sich auch in den folgenden Indikationen der S3-Leitlinie zur psychosomatischen Rehabilitation von Patient*innen mit Angststörungen [2, S. 83f.]: „Eingetretene oder drohende Chronifizierung trotz Ausschöpfung der ambulanten Behandlungsmöglichkeiten, Gefährdung der Teilhabe am Erwerbsleben, vor allem bei längerdauernder (> 6 Wochen) Arbeitsunfähigkeit als Folge der Angststörung (Zuständigkeit der gesetzlichen Rentenversicherung), Gefährdung der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben beziehungsweise der Selbstständigkeit als Folge der Angststörung (Zuständigkeit der gesetzlichen Krankenversicherung)."

 

Literatur
[1]DGPM.de. https://www.dgpm.de/, abgerufen am 21.11.2021.
[2]Bandelow, B.; Aden, I.; Alpers, G. W.; Benecke, A.; Benecke, C.; Beutel, M. E.; Deckert, J.; Domschke, K.; Eckhardt-Henn, A.; Geiser, F.; Gerlach, A. L.; Harfst, T.; Hau, S.; Hoffmann, S.; Hoyer, J.; Hunger-Schoppe, C.; Kellner, M.; Köllner, V.; Kopp, I. B.; Langs, G.; Liebeck, H.; Matzat, J.; Ohly, M.; Rüddel, H. P.; Rudolf, S.; Scheufele, E.; Simon, R.; Staats, H.; Ströhle, A.; Waldherr, B.; Wedekind, D.; Werner, A. M.; Wiltink, J.; Wolters, J. P. Deutsche S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, Version 2 (2021b). www.awmf.org/leitlinien/de-tail/11/051-028.html, abgerufen am 21.11.2021 [Langversion]. 
[3]Bandelow, B.; Aden, I.; Alpers, G. W.; Benecke, A.; Benecke, C.; Beutel, M. E.; Deckert, J.; Domschke, K.; Eckhardt-Henn, A.; Geiser, F.; Gerlach, A. L.; Harfst, T.; Hau, S.; Hoffmann, S.; Hoyer, J.; Hunger-Schoppe, C.; Kellner, M.; Köllner, V.; Kopp, I. B.; Langs, G.; Liebeck, H.; Matzat, J.; Ohly, M.; Rüddel, H. P.; Rudolf, S.; Scheufele, E.; Simon, R.; Staats, H.; Ströhle, A.; Waldherr, B.; Wedekind, D.; Werner, A. M.; Wiltink, J.; Wolters, I. P. Deutsche S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, Version 2 (2021a). www.awmf.org/leitlinien/de-tail/11/051-028.html, abgerufen am 21.11.2021 [Kurzversion].
[4]Beutel, M. E.; Bleichner, F.; von Heymann, F.; Tritt, K.; Hardt, J. Anxiety disorders and comorbidity in psychosomatic inpatients. Psychother Psychosom 2010; 79: 58. doi: 10.1159/000259419. Epub 2009 Nov 18. PMID: 19923877. 
[5]Schmidt, J.; Nübling, R.; Kaiser, U.; Kaluscha, R.; Toepler, E. Outcome medizinischer Rehabilitation im Spiegel multipler Ergebniskriterien - Konzept und Gütekriterien. Tagungs-band DRV-Schriften Band 123, Sonderausgabe der DRV Deutsche Rentenversicherung 30. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium, Teilhabe und Arbeitswelt in besonderen Zeiten. Herausgeber: Deutsche Rentenversicherung Bund Online-Kongress, März 2021 (Berlin). www.reha-kolloquium.de, abgerufen am 21.11.2021.

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