Rückblick Symposium Psychosomatik
Donnerstag, 06.11.2025
Großer Abendvortrag
Professor Dr. rer. nat. Frank Jacobi
Haben seelische Erkrankungen in den letzten 20 Jahren zugenommen?
„…auf jeden Fall sind sie nicht weniger geworden…“ diese vorsichtige These stellte Prof. Dr. Jacobi gleich zu Beginn seines Vortrags auf. Seit mehr als 20 Jahren ist es ein medienfüllendes Thema, die Zunahme der mentalen Probleme, auch schon bei Kindern und Jugendlichen.“
Im ersten Teil des Vortrags beschäftigt sich Prof. Jacobi mit den Psychischen Erkrankungen und analysiert die Häufigkeit - absolut und relativ - und die Kostenseite. Im zweiten Teil findet die Einordnung dieser Entwicklungen statt.
Ursachen für den „Anstieg“ sind die gravierende Zunahme der Diagnosemöglichkeiten bei psychischen Erkrankungen. Die daraus resultierenden Kosten sind höher als bei Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs zusammen, laut Elsevier, wissenschaftl. Publikation. Man unterscheidet direkte Kosten (für Behandlung, Medikamente), indirekte Kosten (wirtschaftl. Folgekosten insbes. Produktivitätsverlust/Fehltage u. Transferleistungen) und intangible Kosten (subjektives Leiden f. Betroffene u. Angehörige, Einschränkung der Lebensqualität, Verlust an Autonomie, Stigmatisierung etc.). Die Frage, warum psychische Störungen so ungemein teure Erkrankungen sind, resultiert aus dem häufig frühen Erkrankungsbeginn, dem oft chronischen und wiederkehrenden Verlauf, den hohen indirekten Kosten, den Defiziten in der Versorgung und der Ansammlung weiterer Gesundheitsrisiken, fasst Prof. Dr. Jacobi zusammen.
Betrachtet man detailliert die Gründe für diese ansteigenden Entwicklungen, so lässt sich aufgrund der Studienlage zunächst keine Zunahme aber auch keine Abnahme psychischer Störungen feststellen. Gibt es nun eine „echte“ oder eher eine „gefühlte“ Zunahme?
Es existieren Versorgungsprobleme (Stichwort Wartezeit), es gibt die Tendenz zum Überdiagnostizieren, eine hohe Erwartungshaltung der Betroffenen und die Wichtigkeit psychischer Gesundheit ist in der Gesellschaft angekommen. „Ganz wichtig ist das gleichzeitige Entdramatisieren und Ernstnehmen“, appelliert Prof. Dr. Jacobi.
Im 2. Teil, der sog. Einordnung, wird die Frage beleuchtet, warum sinkt die Häufigkeit psychischer Erkrankungen nicht, trotz vermehrter Behandlungsangebote? „Man spricht von einem versorgungsepidemiologischen Paradoxon“, laut Prof. Dr. Jacobi. Ist die Versorgung nicht effektiv? Gibt es eventuell neue stressauslösende Faktoren? Liegt es an einer erhöhten Aufmerksamkeit der Psychischen Gesundheit?
Prof. Dr. Jacobi erläutert das große Problem, denn die Begrifflichkeit und Definition „Psychische Erkrankung im engeren Sinne“ ist nicht konkret genug formuliert. Daher existieren Unschärfen, z. B. nicht jeder negative psychische Zustand ist eine Krankheit (z. B. Trauer, Modediagnosen wie Zoom-Fatigue).
Eine weitere Entwicklung ist die sog. Betroffenheitsliteratur, die man als Kultur- und Zeitkrankheit bezeichnen kann. Auch die gefühlte Zunahme psychosozialer Belastung in unserer modernen Gesellschaft… „noch nie war die Welt so stressig wie heute?“ Diese Frage stellte man sich bereits in 2007.
Abschließend beantwortet Prof. Jacobi die Frage „Wie sollen wir mit dem zunehmenden Versorgungsbedarf durch psychische Störungen (mit Krankheitswert) und (normalen) Belastungen umgehen? Zunächst nicht „schwarzmalen“, wichtig eindeutig definieren, vermehrte niedrigschwellige Interventionen und Präventionen einbauen. Die Versorgungssteuerung optimieren und Barrieren zur Versorgung abbauen aber auch neue Versorgungsformen entwickeln (digital, hybrid) und implementieren.
Referent
Professor Dr. rer. nat. Frank Jacobi ist Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB). Seine Forschungsschwerpunkte sind die Verbreitung psychischer Störungen in der Bevölkerung, die Suche nach Risiko- und Schutzfaktoren sowie Forschungen zur Versorgung psychisch Kranker. Außerdem setzt er sich für eine wissenschaftliche Fundierung von Psychotherapieverfahren und eine verfahrensübergreifende Perspektive ein.
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