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26.11.2020 | Berolina Klinik | Berolina Klinik | News | IREHA | IREHA | Klinikprojekte

Wie wirkt sich die COVID-19-Pandemie auf unsere Rehabilitanden und Mitarbeitenden aus?

Dr. Jörg Manzick, Chefarzt Psychosomatik Berolina Klinik
Dr. Martina Henkel, Ltde. Oberärztin, Berolina Klinik
Suzanne Morshuis, Ltde. Oberärztin, Berolina Klinik
Dr. med. Martina Gassmann, Oberärztin, Berolina Klinik
Regina Diedrichs, stellv. Ltde. Psychologin, Berolina Klinik
Nelly Pfeifer, stellv. Pflegedienstleitung

Die COVID-19-Pandemie hat folgenschwere Veränderungen mit sich gebracht, die die therapeutische Arbeit mit psychisch und psychosomatisch erkrankten Menschen in der medizinischen Rehabilitation in besonderer Art und Weise betreffen. Die Risiken einer COVID-19-Erkrankung wie auch die Maßnahmen zur Eindämmung ihrer Verbreitung verursachen neue psychische Herausforderungen für alle. Sie wirken sich täglich auf die Therapiegespräche und andere Interaktionen in der Klinik aus. Um diese Pandemiefolgen besser zu verstehen, haben wir mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Berolina Klinik aus verschiedenen therapeutisch tätigen Berufsgruppen gesprochen. Wir fragten

1. Sind Ihnen in Therapiegesprächen oder anderen Interaktionen mit Rehabilitanden neue Schwerpunktthemen aufgefallen, die mit der Pandemie zusammenhängen?

2. Läuft die therapeutische Arbeit für Sie bzw. aus Ihrer Perspektive jetzt bedingt durch die Pandemie anders?

3. Gibt es therapeutische Situationen, die für die COVID-Zeit typisch oder prägend sind?

Im Folgenden sind die Antworten der Kolleginnen und Kollegen redaktionell verdichtet.

Für den ärztlichen Dienst der Abteilung Psychosomatik: Dr. med. Jörg Manzick, Chefarzt; Dr. med. Martina Henkel, ltd. Oberärztin; Suzanne Morshuis, ltd. Oberärztin; Dr. med. Martina C. Gassmann, Oberärztin


Die COVID-19-Pandemie wird u. a. im Rahmen des Stressvortrags und des Angstvortrags angesprochen, da die Pandemie mit ihren Folgen wie zum Beispiel der Angst vor Erkrankung oder vor einem Lockdown mit entsprechenden Konsequenzen durchaus Stress und Angst auslösen kann. Das Bedürfnis, über das COVID-Thema zu sprechen, wird sowohl in den Vorträgen als auch in einigen anderen Gruppen deutlich und von uns berücksichtigt. Der Eindruck im Stressvortrag ist, dass die Patienten erleichtert sind, das Thema als "Stressfaktor", den alle spüren, zu beleuchten. Mehrere von uns nehmen wahr, dass die Patienten sich hier, in einem von der Außenwelt geschlossenen sozialen System, in einem gefühlt be- und geschützten "Kollektiv", scheinbar eher wohl fühlen, vielleicht sogar in gewisser Weise sicherer als "draußen". Mehrere Patientinnen haben berichtet, dass sie die Quarantäne, die sie in den ersten Tagen nach ihrer Anreise als Sicherheitsmaßnahme einhalten mussten, als angenehm ruhiges Ankommen erlebt haben. Vielleicht kann man daraus Schlüsse ziehen für die Art und Weise, wie wir nach der Pandemie die Anreisezeit gestalten könnten.

Der Umgang der Klinikmitarbeitenden mit den neuen Hygiene-Regeln kommt bei den Patienten sichtlich gut an. Unsere Pandemie-Regeln sind gut überlegt, in die Arbeit integriert und wir sind uns sicher, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Vielleicht deswegen strahlen die Mitarbeiter Ruhe und Sicherheit aus. Das vermittelt unseren Patienten offenbar ein Gefühl der Geborgenheit und Behütetheit. Unangenehm für uns ist jedoch, dass wir jetzt häufiger in die Rolle eines strengen Elternteils schlüpfen müssen, da wir immer wieder an die Einhaltung der Verhaltensregeln erinnern müssen.

Es stört, dass wir durch das Tragen der Masken die Mimik unserer Patienten weder sehen noch rückmelden können und daher auch weniger gut ihre Emotionen und Gedanken - bewusst wie unbewusst - erraten können. Man kann die kleinen kommunikativen Dissonanzen nicht mehr erkennen, zum Beispiel, wenn Patienten zwar "mir geht es sehr gut" sagen, aber in ihrem Gesichtsausdruck die Botschaft "mir geht es schlecht" oder "ich brauche Hilfe" zu lesen ist. Diese Formen des persönlichen Kontakts, die vorher selbstverständlich waren, sind jetzt hinter der Maske versteckt und müssen durch pointiertere verbale Kommunikation und klare Gestik ersetzt werden.

Einige Patienten klagen darüber, wegen Maske und Abstand weniger gut mit den Mitpatienten in einen Dialog zu kommen. In den Gruppen und in den Vorträgen scheint es den Patienten in der Regel jedoch wichtig zu sein, Abstand zu halten, frische Luft durch offene Fenster zu haben und Masken zu tragen. Uns hat es insgesamt überrascht, mit welcher Fassung die Patienten die Einschränkungen des aktuellen "Mini-Lockdowns" ertragen. Sie haben deutlich eingeschränkte Möglichkeiten, ihre therapiefreie Zeit zu gestalten. Die Restaurants sowie Kultureinrichtungen sind geschlossen und Besucher dürfen nicht in die Berolina Klinik kommen. Obwohl die Patienten nun deutlich mehr Freizeit auf ihren Zimmern verbringen, gibt es kaum Beschwerden. Wir beobachten zudem keine erhöhte Reizbarkeit oder vermehrte andere psychische Verstimmungen.

Der Kontakt zu und mit den Patienten sowohl im Einzelkontakt als auch in der Gruppe läuft unverändert gut. Die reduzierte Patientenzahl in den Gruppen von zwölf auf zurzeit acht Personen führt sogar zu intensiverer Gruppenarbeit. Jeder Teilnehmer hat eine höhere Chance, dass seine Situation und seine Themen gründlich besprochen werden.

Für den psychologischen Dienst: Regina Diedrichs, stellvertretende Leiterin des psychologischen Dienstes
In der Abteilung Psychosomatik leite ich die "Basisgruppe", eine psychotherapeutische Gruppentherapie für alle Patienten. Diese interaktionelle Gruppe ist themenoffen und die Teilnehmer sprechen über alles, was ihnen am Herzen liegt. Corona ist wiederholt Thema. Als Psychotherapeutin muss ich dabei eine Gratwanderung leisten: Externe Krisen wie die Pandemie sind natürlich von überragender Bedeutung für die psychische Verfassung, aber das Weltgeschehen soll nicht genutzt werden, um von den eigenen persönlichen Problemen abzulenken. Gerade die Psychotherapie hat das Ziel, einen tieferen Einblick in die eigene Persönlichkeitsstruktur zu ermöglichen und Lösungen für eventuell vorhandene Konflikte zu suchen. Gleichzeitig darf nicht übersehen werden, dass die Pandemie die wirtschaftliche Existenz einiger unserer Patienten wirklich bedroht, Selbstständige zum Beispiel. Ihre Ängste dürfen und müssen besprochen werden.

Die Maskenpflicht ist ein weiteres Thema. Ich betrachte mit professionellem Interesse, wie Menschen das Maskentragen unterschiedlich deuten. Für die eine ist das Tragen von Masken ein Zeichen des Schutzes, der Rücksicht und der Solidarität, für die andere bedeutet es eine Einengung der Freiheit oder sogar eine Bestrafung. Den Mund-Nasen-Schutz zu tragen kann Gefühle aktivieren, die positiv oder negativ sind, je nach unserer Bewertung.

Die Pandemie bedeutet auch die Streichung von allen Angeboten der Klinik, die außerhalb der regulären stationären Rehabilitation stattfinden: die ambulante Reha, die GUSI®-Präventionsgruppen und die Psy-RENA-Nachsorge. Wir hoffen, dass diese Angebote in absehbarer Zeit wieder starten können. Eine weitere praktische Auswirkung betrifft die didaktische Arbeit in Gruppen: Wegen der Hygieneregeln kann nicht mehr wie gewohnt in engeren Kleingruppen gearbeitet werden. Gleichzeitig ist die Gruppengröße verringert worden, um die Abstandsregeln einhalten zu können, was die Gelegenheit zu intensiverem Austausch bietet.

Insgesamt beschreibt das Wort "Einengung" ganz gut, was ich an Auswirkungen der Pandemie beobachte. Wir waren ja im ersten Lockdown im häuslichen Umfeld eingeengt und sollten weiterhin unsere sozialen Kontakte einschränken. In der Didaktik muss ich mich auf "Frontal"-Methoden begrenzen und die Maske engt die Kontaktmöglichkeiten über die Mimik ein. Unsere Patienten sind in einer weiteren Art und Weise limitiert. Von uns wird oft die Ermunterung ausgesprochen: „Gehen Sie und probieren Sie hier etwas Neues oder lang Vernachlässigtes aus, singen, tanzen, ins Theater oder Kino gehen, neue Bekanntschaften schließen oder was auch immer." Genau dies ist jedoch wegen der Pandemie nur eingeschränkt möglich. So wird stattdessen mehr gefilzt, gemalt, Speckstein bearbeitet oder gehäkelt. Keine noch so schwierige Situation hat ausschließlich negative Seiten.

Für den Pflegedienst: Nelli Pfeifer, stellvertretende Pflegedienstleitung
Die Arbeit des Pflegedienstes hat sich infolge der Pandemie deutlich verändert. Man erkennt das gut an dem neuen Ablauf der Anreise. Der Hygieneplan sieht jetzt eine COVID-Testung der Neuanreisen vor. Falls ein negatives Testergebnis nicht mitgebracht werden kann, nehmen wir hier die Testung vor und die Anreisenden müssen in Quarantäne bleiben, bis das Ergebnis vorliegt. Der Pflegedienst "fängt" anreisende Patienten „ab“ und begleitet sie zu ihrem Zimmer, gegebenenfalls im Quarantäne-Bereich. Durch die neuen Regelungen kommen die Patienten angespannter an als sonst. Das Virus und seine Gefahren stehen am Anfang im Vordergrund. Unser Job ist es, diesen Ängsten mit vielen Informationen über die Abläufe und mit klaren Anweisungen zu begegnen.

Wenn die Patienten ankommen und sehen, dass sie bei uns in Bezug auf die COVID-19-Pandemie gut abgeschirmt sind, dass unser Hygienekonzept durchdacht ist und auch funktioniert, entspannen sie sich und fangen an, sich sicherer als "draußen" zu fühlen. Sie haben das Gefühl: „Wir sind geschützt." Zu diesem Gefühl trägt der Pflegedienst auch in den allerersten Tagen viel bei.

Ein positiver Nebeneffekt der Pandemie ist noch die Reduzierung der Gruppengröße der Rehabilitanden insgesamt und der Entspannungsgruppen, die wir leiten, im Besonderen. Das ermöglicht intensivere supportive Gespräche im Schwesternzimmer. In diesen Gesprächen war COVID-19 bisher selten ein Thema. Die häufigsten Themen sind nach wie vor Schmerzen oder andere psychosomatische bzw. psychische Beschwerden. Lediglich bei Erkältungssymptomen gibt es Unterschiede: Der Patient wird sofort wieder auf COVID-19 getestet und in einem Quarantäne-Zimmer untergebracht, bis das Ergebnis vorliegt.

Insgesamt fühlen sich die Patienten wahrgenommen und sind in der Regel glücklich und dankbar, dass sie die Rehabilitationsmaßnahme in diesen schwierigen Zeiten durchführen können.


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