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24.05.2021 | Berolina Klinik | News | Berolina Klinik | IREHA | Klinikprojekte | IREHA

Soziale Isolation und COVID-19-Pandemie

Prof. Stock Gissendanner, Wissenschaftler im Ärztlichen Dienst, Berolina Klinik
Prof. Dr. Gerhard Schmid-Ott, wissenschaftlicher Berater Berolina Klinik

Einsamkeit ist eine Last für alle, nicht nur für den Einzelnen. Soziale Isolation und die daraus entstehenden Gefühle der Einsamkeit kommen aufgrund von langfristigen ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen weltweit zunehmend vor. Die negativen gesellschaftlichen Auswirkungen, die daraus entstehen, sind beachtlich und bedrohen die öffentliche Gesundheit. In Anerkennung dieser wachsenden Bedrohung etablierte das Vereinigte Königreich 2018 als erstes Land der Welt ein Ministerium für Einsamkeit, um diese und ihre Folgen zu bekämpfen. Japan folgte diesem Vorbild in diesem Jahr 2021, unter anderem als Antwort auf eine steigende Suizidrate im Kontext der COVID-19-Pandemie. 

Die Angst, an COVID-19 zu erkranken, sowie die medizinisch indizierten „Social Distancing“-Maßnahmen zur Bekämpfung des Infektionsgeschehens bewirken eine Reduzierung sozialer Kontakte und bergen die Gefahr der sozialen Isolation. Viele Menschen, die vorher sozial gut integriert waren, erleben in der Pandemie zum ersten Mal verstärkte Gefühle der Einsamkeit. Und diejenigen, die auch vorher schon sozial isoliert waren, sind durch die Pandemie noch stärker in ihrer gesellschaftlichen Teilhabe beeinträchtigt.

Die negativen psychosozialen Nebeneffekte der Pandemie sind in der Gesamtgesellschaft nicht gleichmäßig verteilt. Die meisten Menschen haben keine sozialen Beeinträchtigungen durch die COVID-19-Pandemie erlebt oder empfunden. Stärker betroffen sind jüngere Menschen, Frauen und Personen, die schon vorher sozial isoliert waren [1, 2]. Die Pandemiebedingungen verstärken zudem insbesondere die Problemlage von Personen, die sich mit einer Erkrankung auseinandersetzen müssen: „Nun berichten gerade chronisch körperlich oder psychisch Erkrankte von weniger stabilen und umfangreichen sozialen Netzwerken als Gesunde; denjenigen, die sie am nötigsten hätten, stehen soziale Ressourcen [in der COVID-19-Pandemie] nur vermindert zur Verfügung“ [3].

Es gibt jedoch auch Positives zu berichten: Personen mit stabilen sozialen Kontakten kommen besonders gut mit der COVID-19-Pandemie und den Infektionsschutzmaßnahmen zurecht. Einsamkeit hat also einen „Moderatoreffekt“: Die Pandemie wirkt sich besonders negativ auf einsame Menschen aus, während sozial gut vernetzte Menschen nur wenige negative Auswirkungen verspüren. Studien legen nahe, dass soziale Einbindung und soziale Interaktionen sogar einen physiologisch protektiven Effekt für die Gesundheit haben, der über eine verminderte Aktivität der psycho-biologischen Stresssysteme vermittelt wird [3]. Schon „allein die Wahrnehmung, sozial eingebunden zu sein, reduziert demzufolge die Ausschüttung stress-sensitiver Hormone und verbessert kardiovaskuläre Parameter und die Immunkompetenz“ [3, S. 57].

Die reduzierten Kontaktmöglichkeiten in der COVID-19-Pandemie haben die psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten bei starker Einsamkeit reduziert und dadurch das damit verbundene Risiko einer depressiven bzw. Angsterkrankung erhöht. Vieles, was wir unseren Patient*innen zur Bekämpfung von Einsamkeit nach ihrer Entlassung aus der Rehabilitation bislang empfehlen konnten - Kochkurse, Yoga, Gruppensport usw. - ist durch die Infektionsschutzmaßnahmen vorerst nicht mehr möglich. Trotzdem gibt es immer noch Handlungs- und Behandlungsmöglichkeiten. Selbst wenn alle äußeren Kontaktmöglichkeiten wegzufallen scheinen, kann man mit der*dem Therapeut*in dem Rat des Psychiaters Michael Depner folgen: „Schauen wir uns ganz individuell die Situation des*der Patient*in an und erarbeiten dann am besten gemeinsam einen Plan: Wo kann ich selbstwirksam sein?“ [4]. Die Steigerung der Selbstwirksamkeit hilft, die Offenheit für neue soziale Kontakte - zum Beispiel über die digitale Kommunikation als eine Überbrückung der COVID-19-Pandemiezeit - zu bewahren und hilft somit zu verhindern, dass Einsamkeit die Entwicklung einer Depression bzw. Angststörung fördert.

Zukünftig sollte in der hausärztlichen und rehabilitativen Versorgung verstärkt auf lange dauernde Einsamkeit als Risikofaktor für Angst- und depressive Störungen, aber auch kardiovaskuläre Probleme bzw. Diabetes mellitus geachtet werden [5]. Einsamkeit und die Qualität der sozialen Interaktionen sollten in der psychosozialen Anamnese angesprochen werden. Und nach wie vor sollten gefährdete Personen auf die vielfältigen Möglichkeiten der Telefonseelsorge hingewiesen werden (siehe www.apotheken-umschau.de/gesund-bleiben/psyche/hilfe-finden-anlaufstellen-bei-krisen-753763.html).

Literatur

[1] Liu S, Heinzel S, Haucke M, Heinz A. (2021). Increased Psychological Distress, Loneliness, and Unemployment in the Spread of COVID-19 over 6 Months in Germany. Medicina 57 (1).

[2] Wickens CM, McDonald A, Elton-Marshall T, Wells S, Nigatu Y, Jankowicz D, Hamilton H. (2021). Loneliness in the COVID-19 pandemic: Associations with age, gender and their interaction. J Psychiatr Res 136: 103-108.

[3] Hopf D, Schneider E, Eckstein M, Aguilar-Raab C, Ditzen B. (2021). COVID- und Social Distancing bezogene Sorgen und ihre Beziehung zu psychischer und körperlicher Erkrankung. Psychother Psychosom Med Psychol 71 (02): 57-60.

[4] Hussendörfer E. (2020). Einsamkeit bekämpfen: Tipps vom Experten. Apothekenrundschau. www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/infektionskrankheiten/coronavirus/einsamkeit-bekaempfen-tipps-vom-experten-723949.html.

[5] Hussain NM. (2021). The importance of addressing loneliness: lessons from a pandemic. Brit J Gen Pract 71: 218-219.


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