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21.11.2021 | Berolina Klinik | Berolina Klinik | News | IREHA | IREHA | Klinikprojekte

Digitale Gesundheitsanwendungen in der medizinischen Rehabilitation

Prof. Dr. Scott Stock Gissendanner, Wissenschaftler im Ärztl. Dienst Berolina Klinik

Heutzutage scheint es für alles eine „App" zu geben. Schon seit vielen Jahren werden handybasierte Computer-Applikationen angeboten, die deren Nutzerinnen und Nutzern eine Verbesserung ihres Gesundheitszustands versprechen – vor allem durch die Steigerung der Motivation, sich gesund zu verhalten. 

Qualitätsgeprüfte „digitale Gesundheitsanwendungen" oder „DiGas" werden immer häufiger im Kontext der medizinischen Rehabilitation verwendet und bieten relevante Funktionen für die Zeiträume vor, während und nach der Rehabilitation, d. h. für Prävention und Reha-Vorbereitung, Reha-Behandlung und Reha-Organisation sowie Reha-Nachsorge. 

Zusätzlich zu den DiGas, die als Medizinprodukt betrachtet werden und daher fest definierten Qualitätsstandards (wie etwa dem Nachweis eines positiven Versorgungseffekts) unterliegen, haben einige private Klinikgruppen eigene Apps für die Organisation des Reha-Aufenthalts entwickelt. Mit diesen Haus-Apps versenden Kliniken Informationen zur Reha (auch vor der Anreise), zeigen Therapiepläne an und stellen Handouts und Therapieinstruktionen bereit. Informationen können individualisiert verteilt und von den Nutzerinnen und Nutzern individuell erstellt werden, z. B. für Evaluationen. Auch weitere technische Möglichkeiten, wie z. B. ein klinikeigener TV-Kanal, werden aktuell schon zur Verbreitung von digitalen Inhalten wie Trainingsvideos genutzt.

Schon seit einigen Jahren werden die Kosten von DiGas von der gesetzlichen Krankenkasse oder auch – in bestimmten Fällen, die die Nachsorge betreffen – von der gesetzlichen Rentenversicherung übernommen. Die rechtliche Grundlage für die Krankenkassen wurde im Jahr 2019 durch das Digitale-Versorgung-Gesetz und die Einführung des § 139e SGB V geschaffen. Die Kosten für die Verwendung von digitalen Unterstützungsanwendungen im Rahmen der Tele-Reha-Nachsorge werden nach Genehmigung seit 2018 durch die DRV Bund übernommen - Genehmigungsverfahren und Nutzung wurden in der Anlage 3 des überarbeiteten Rahmenkonzepts für die Reha-Nachsorge geregelt. 

Bisher wurde eine überschaubare Zahl an DiGas von der DRV Bund für die Verwendung im Rahmen der Nachsorge anerkannt:

  • Für die Nachsorge bei Personen mit Depressionen: DE-RENA
  • Für die telematische Durchführung von Psy-RENA-Nachsorgegruppen: LiVi-RENA
  • Für die T-RENA- und IRENA-Nachsorge bei orthopädischen Indikationen sind folgende Apps derzeit aufgrund einer pandemiebedingten Sonderregelung anerkannt, werden aber auch für die Übernahme in die Regelversorgung geprüft: EvoCare, Caspar Health und Curalie

Alle diese Apps ermöglichen den Kontakt zu therapeutischem Reha-Personal durch „Messaging“ (asynchron) oder auch direkt per Video-Chat, wie die an anderer Stelle detailliert beschriebene DE-RENA-App (siehe https://www.berolinaklinik.de/ireha-fachportal/klinikprojekte/klinikprojekt/de-rena-nachsorge-per-app-fuer-menschen-mit-depressionen/ 
LiVi-RENA ist eine sichere Videokonferenz-App, mit deren Hilfe psychotherapeutische Gruppensitzungen sicher durchgeführt werden können. Für die orthopädische Nachsorge umfassen alle drei genannten Anwendungen noch weitere Apps. Diese bieten den Versicherten die Möglichkeit, die spezifisch für sie vom Behandlungsteam in der Klinik vorgeschriebenen Bewegungsübungen durch das Programm angeleitet zu Hause durchführen zu können. 

Weitere kostenpflichtige DiGas mit nachgewiesenem medizinischem Nutzen können unabhängig von einem Rehabilitationsaufenthalt genutzt werden. Apps, die das Zulassungsverfahren durchlaufen haben, werden in das DiGa-Verzeichnis ( https://diga.bfarm.de/de/verzeichnis ) aufgenommen. Die Kosten ihrer Nutzung werden von den Krankenkassen übernommen. Bisher gibt es allerdings nur wenige Apps, die den Status als dauerhaft übernommen erreicht haben:

  • deprexis (bei Depressionen)
  • elevida (bei MS-Erkrankung)
  • HelloBetter bei Stress und „Burnout"
  • somnio bei nichtorganischer Insomnie
  • velibra bei Agoraphobie, sozialen Phobien und generalisierter Angststörung
  • vorvida bei Alkoholabhängigkeit

Das Zusammenspiel von technologischem Fortschritt, gesicherter Finanzierung und zunehmender Erfahrung mit Handy-Apps in der Bevölkerung führt dazu, dass DiGas nicht mehr wegzudenken sind. Künftig wird es viele Apps geben, die bei chronischen Krankheiten Unterstützung bieten. Zudem wird sich die Nutzung von Apps in der Reha-Nachsorge für die Umsetzung von etablierten Nachsorge-Curricula wie Psy-RENA, IRENA und T-RENA wahrscheinlich weiter verbreiten. Bei allen möglichen positiven Effekten bleibt auch festzuhalten, dass die verschiedenen Auswirkungen der Nutzung dieser Apps auf die Qualität der Nachsorge und Rehabilitation weiterhin regelmäßig geprüft werden müssen.


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